Alice Coltrane war eine Quertreiberin, selbst den Freidenkern des Free Jazz erschien sie suspekt. Ihr melodramatischer Ansatz erregte Anstoß – zu sentimental, zu überladen für die klare männliche Linie der Improvisationskunst. Als Frau spielte sie ein seltenes Instrument im Jazz, die Harfe, als Witwe des großen John Coltrane eine ähnlich umstrittene Rolle wie Yoko Ono in der Popmusik.

Als Alice McLeod wurde sie am 27. August 1937 in Detroit geboren, lernte Piano, Orgel und Harfe und studierte klassische Musik. Die Werke von Tschaikowsky und Rachmaninow weckten ihre Leidenschaft für expressive Musik, durch ihren Bruder, den Bassisten Ernie Farrow, kam sie zum Jazz und übte Piano bei Bud Powell. Sie sammelte Erfahrungen mit ihrem eigenen Trio und als Sessionmusikerin in verschiedenen Ensembles, bevor sie den Saxofonisten John Coltrane kennen lernte. Als die beiden Mitte der sechziger Jahre heirateten, spielte sie schon einige Zeit in seinem Quartett, doch bereits 1967 starb John Coltrane.

Zusammen mit seinen Musikern, aber auch mit Größen wie Charlie Haden und Pharoah Sanders versuchte sie als Nachlassverwalterin seine Ideen weiterzutragen. Das Auflösen der kontrapunktischen Jazzakkorde ins Flächige trieb sie noch auf die Spitze und befreite die Männersprache Jazz vom Gestus der zur Schau gestellten Virtuosität. Ihre Hinwendung zu den östlichen Religionen und die Hinzunahme entsprechender Instrumente waren keine Flucht, sondern eine Forderung: die Platten Ptah, the El Daoud, Journey in Satchidananda und World Galaxy aus den frühen siebziger Jahren vermitteln bis heute eine überwältigende Sehnsucht nach einer Verschmelzung der Kulturen über nationale, religiöse und ethnische Grenzen hinweg. Auf das Brechen der Harmonien, das turbulente Aufbegehren, folgen immer wieder in Kaskaden ihre einzigartigen Harfenglissandi. Mit sanften Griffen in weiten Bögen fächerte sie die Kraft der Improvisation zu einem Prisma der Völkerverständigung auf. Wie bei der ecriture feminine in der Literatur stieß der energische Sanftmut häufig auf Unverständnis, lange galt ihre Musik als kitschig. Das opulent orchestrale Schwelgen, das Summen der Tamboura auf World Galaxy wirken im Rückblick aber wie eine surreale, epochenverwirrte Vertonung von New Age als Bollywood-Soundtrack.

Seit den siebziger Jahren lebte Alice Coltrane mit ihren Kindern in einem Ashram und nannte sich Turiya Sangitananda. Sie veröffentlichte nicht viele Platten, aber in regelmäßigen Abständen, in den letzten Jahren musizierte sie auch mit ihren und John Coltranes nun erwachsenen Söhnen. Wie bei vielen Hippies erschöpfte sich der musikalisch kreative Aspekt der Religiosität irgendwann in Meditationsklängen, dennoch riskierte sie niemals ihre Würde auf eine Art wie der einstige Popbarde Cat Stevens alias Yusuf Islam derzeit mit seinem Comebackversuch. Ihr letztes Album Translinear Light erntete vor drei Jahren sogar das Lob der Kritik als ein Meilenstein des Free Jazz. Ihr Ruhm war und blieb eher bescheiden, im Kleinen bedeutete sie vielen viel, wie vor kurzem ihr Beitrag auf dem Sampler FemaleFuture Transatlantik bewies.

Alice Coltrane starb am 12. Januar in Los Angeles an einem Lungenleiden. Sie wurde 69 Jahre alt.