Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung "Guardian ". Sein Beitrag ist der vierte in einer unregelmäßigen Reihe von Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischer Tageszeitungen auf ZEIT online die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begleiten werden.

Bisher erschienen:
"Die alten Europäer" von Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung
Gazeta Wyborcza ;
"Psychologischer Waffenstillstand" von Rolf Gustavsson von der schwedischen Tageszeitung
Svenska Dagbladet;
"Europäische Malaise" von Jean Quatremer von der französischen Tageszeitung Libération

Alles in allem war das kein verheißungsvoller Auftakt. Schon am dritten Tag der deutschen EU-Präsidentschaft war die Rede von Chaos und Konfusion. Hungrig nach Neuigkeiten hatten sich die Angehörigen des Brüsseler Medienkorps - oder doch immerhin etliche Dutzend der 1.400 hier akkreditierten Journalisten - in den Hundstagen nach Weihnachten und Neujahr auf den Weg in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland gemacht. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte zu einer Pressekonferenz über die Lage in Somalia eingeladen.

Hinsichtlich ihres Nachrichtengehalts waren die langatmigen Ausführungen Steinmeiers und seiner Kollegen von der Internationalen Kontaktgruppe für Somalia wertlos. Was sich hingegen in den Köpfen der anwesenden Journalisten festsetzte, war der klare Eindruck, dass die mit großem Getöse angekündigte deutsche Präsidentschaft nicht imstande war, eine Pressekonferenz zu organisieren. Wie, so fragte man sich, soll diese deutsche Präsidentschaft dann erst jene ehrgeizigen Pläne verwirklichen, die die Bundeskanzlerin mit dem Motto "Europa neu begründen" umschrieben hat?

Lang standen in der Rue Jacques de Lalaing die Schlangen der Journalisten vor dem Sicherheitscheck. Der einzige vorhandene Scanner funktionierte nicht richtig. Simultanübersetzungsgeräte wurden wahllos und willkürlich verteilt: Wer der deutschen Sprache nicht mächtig war, blieb ahnungslos und lost in translation . Genug Platz für alle war ebenfalls nicht vorhanden; die Hälfte der herbeigeströmten Interessenten musste mit Plätzen draußen vor der Tür vorlieb nehmen.

Das alles erinnerte mächtig an die Schlangen vor der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, an der man in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für 25 Westmark um ein Tagesvisum nach Ost-Berlin anzustehen hatte. Allerdings waren Brüsseler Verhältnisse deutlich weniger gründlich organisiert. Mich erinnerte die Situation zugleich an den alten Mythos von der deutschen Effizienz - eine trügerische Mär, deren Unwahrheit ich schon während meiner Zeit als Bonner Korrespondent des Guardian in den Jahren 1989 bis 1995 auf die Schliche gekommen war: die ständigen Verspätungen der Züge, die schiere Schneckenhaftigkeit der Bürokratie, die frühen Ladenschlusszeiten, der Begriff "Kundendienst" als eine der weltweit abwegigsten Begriffsverbindungen … und das alles auf den Punkt gebracht in dem einen Satz: "Wir haben unsere Vorschriften - und die sind unantastbar."

Gerade erst glaubten eure Mit-Europäer, Deutschland habe dieses Erbe hinter sich gelassen. Gerade erst meinten sie, Deutschland habe sich - 16 Jahre nach der Wiedervereinigung und nach einem Jahrzehnt der wirtschaftlichen Krise - als modernes und pulsierendes Land neu erfunden. Und gerade erst hatte dieses Land die fröhlichste Fußballweltmeisterschaft seit Menschengedenken veranstaltet.