Die neue Irak-Strategie von US-Präsident George W. Bush stößt in den USA auf verheerende Kritik und tiefe Skepsis - "eine Skepsis, die man im Kongress seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte", beobachtet die Washington Post .

Nun ist im Irak-Krieg eine neue Front eröffnet worden: Das Capitol. Außenministerin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Robert Gates wurden am Donnerstag im Senat auf Überzeugungs-Mission geschickt. Ein vergeblicher Versuch, denn selbst in den Reihen der Republikaner ist das Misstrauen gegenüber der Truppenaufstockung in Bagdad groß.

Condi Rice musste sich im Außenpolitischen Ausschuss des Senats heftige Kritik anhören, und zwar nicht nur von den Demokraten, sondern auch von ihren Republikanern, wie Washington Post und New York Times berichten. "Sind die USA sicherer geworden, nachdem wir im Irak einmarschiert sind?", fragte dreimal hintereinander der Demokrat Feingold, offenbar unzufrieden mit den Antworten der Außenministerin. Der demokratische Ausschussvorsitzende Joseph Biden fasste die Meinung des Kollegiums zusammen: "Bis auf ein oder zwei Ausnahmen haben Sie hier 21 (Ausschuss-)Mitgliedern zugehört, die klare Ablehnung, Widerspruch und eine überwältigende Besorgnis zu den Plänen des Präsidenten geäußert haben." Derselbe Biden hatte zuvor die neue Strategie als "tragischen Fehler" bezeichnet und der Demokrat Christopher Dodd die Regierung beschuldigt, amerikanische Soldaten als "Kanonenfutter" zu benutzen.

Zahlreiche Republikaner äußerten sich in einem ähnlichen Ton, notiert die New York Times . Der bekannte Senator Chuck Hagel sagte am Donnerstag, Bushs Strategie sei der "gefährlichste außenpolitische Fehler in diesem Land - außer Vietnam - wenn er (der Plan) ausgeführt wird. Ich werde mich ihm widersetzen". Insgesamt haben sich inzwischen acht republikanische Senatoren gegen das Bush-Konzept ausgesprochen, darunter auch der gewöhnlich sehr konservative Sam Brownback, der sich um eine Präsidentschaftskandidatur bewirbt.

Nicht nur US-Politiker und -Medien äußerten vernichtende Urteile über Bushs Entscheidung. Verschiedene Analysen und Kommentare westlicher Zeitungen stellen die grundsätzliche Orientierung der US-Außenpolitik in Frage.

So bemerkt die Financial Times , dass 21.000 zusätzliche Soldaten keine neue Strategie darstellen: "Zwei Dinge sind klar. Bush hat jetzt gerade mal die Unterstützung von nicht mehr als einem von vier Amerikanern für seine so genannte Woge aus rund 20.000 zusätzlichen Soldaten. Sehr schnell wird er gar keine mehr haben, wenn der nicht mehr entzifferbare ethnische und konfessionsgebundene Flickenteppich Irak noch weiter und sogar noch blutiger in Fetzen gerissen wird. Und zweitens wird diese Politik nicht einen Irak reparieren, der durch Tyrannei und Krieg traumatisiert und dann durch Invasion und Besetzung gebrochen wurde. Doch sie könnte dazu führen, dass die USA in den Iran "hineinwogen" - und den Nahen Osten auf eine neue Stufe des Chaos bringen, das dann überschwappt in benachbarte Regionen und westliche Hauptstädte."

Eine Stimmung, die auch von La Repubblica (Italien) geteilt wird: "Die Antwort von Präsident Bush auf vier Jahre des Versagens im Irak ist ein "neuer Plan", der wie eine Kopie des alten wirkt, aber in sich schon die Drohung trägt, den Krieg auf die gesamte Region auszuweiten". US-Senatoren befürchten in der Tat ein Übergreifen des Irak-Kriegs auf die Nachbarländer Iran und Syrien, sollte die US-Armee Extremisten über die Grenzen hinweg verfolgen.

Wer aber kann letztlich eine Lösung für die Irak-Krise anbieten? "Was wäre die Alternative zu Bushs Strategie gewesen?", fragt dazu die konservative Tageszeitung Die Presse aus Wien. "In Wirklichkeit hat keiner eine bessere Idee, schon gar nicht die Demokraten, die nun die Mehrheit im US-Kongress haben. Ihre Forderung, die Boys möglichst schnell nach Hause zu holen, würde das irakische Desaster perfekt machen. Zöge die US-Armee überstürzt ab, bräche sich der irakische Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten noch ungehemmter Bahn. (...) Niemand hat einen Masterplan, auch Bush nicht."

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