Die Zeiten, in denen das Privatleben der Politiker in der Presse mit Diskretion behandelt wurde, sind lange vorbei. Das bekam am Dienstag Bundesagrarminister Horst Seehofer zu spüren: "Baby mit heimlicher Geliebten!" titelt die Bild -Zeitung auf der Seite eins. Vergleichbare Geschichten gäbe es natürlich auch aus dem Leben anderer prominenter Politiker zu berichten. Seehofers Pech ist es nur, dass er gerade als Kandidat und Stoiber-Nachfolger für den CSU-Parteivorsitz gehandelt wird. In den aktuellen Pressekommentaren wird denn auch mehr oder weniger direkt Bayerns Ministerpräsident mit der Kampagne in Verbindung gebracht.

"Erinnerungen werden wach, wie Stoiber-Vertraute einst das zerrüttete Eheleben von Theo Waigel an die Öffentlichkeit zerrten. Das hat also Methode in Bayern" schreibt die Neue Presse Hannover , "und es ist die Methode Stoiber, nach der jetzt, wo es um die Besetzung wichtigster Posten geht, verfahren wird. Im Untergang zieht Stoiber womöglich noch den einen oder anderen mit - auch wenn er selbst wahrscheinlich gar nicht mehr die Strippen zieht."

Auch die Financial Times Deutschland findet, dass nach der Affäre Waigel nun Edmund Stoiber "automatisch unter Verdacht (stehe), er meuchle erneut den, der ihm gefährlich werden könnte. Derart machiavellistische Methoden stoßen auch viele CSU-Mitglieder ab." Was wohl noch alles aus Bayern kommen mag, fragt sich die Rheinische Post : "Wohin das Gezerre um Stoiber und die neue Machtverteilung in München schon geführt haben, zeigen die stinkenden Schwaden, die aus der Gerüchteküche kommen: Seehofers angebliche außereheliche Liebschaft, Becksteins Hörprobleme - wer weiß, was da noch alles aufsteigt." Der erwähnte Günther Beckstein, zurzeit Bayerns Innenminister, wird bekanntlich ebenfalls als möglicher Nachfolger Stoibers im Amt des Ministerpräsidenten gehandelt.

In dieses Schema hinein passt auch jene Geschichte, mit der Stoibers neuerlicher Absturz begann: Seine Staatskanzlei soll versucht haben, das Privatleben der widerspenstigen Landrätin Gabriele Pauli aus Fürth auszuschnüffeln.

Aber zurück zu Bild und Seehofer, denn dort kann nachgelesen werden, welche Blüten das Privatleben-Outing von Politikern treiben kann. In einem Kommentar nämlich rechtfertigt das Blatt seine Aktion. Seehofer habe im Wahlkampf immer sein häusliches Idyll präsentiert. Nun müsse er sich eben daran messen lassen. Naja, darüber ließe sich vielleicht diskutieren.

Unschön aber, in welche Reihe der Kommentar zum Aufbau seiner Argumentation Seehofer einreiht: "Dass wir also wegschauen sollen, wenn ein katholischer Bischof sich sexuell vergnügt? Wenn ein Politiker, wie kürzlich in den USA, öffentlich gegen Schwule hetzt, aber privat einem Büroboten heiße Liebesschwüre schickt? Oder wenn ein Betriebsrat die Interessen der Arbeitnehmer durch Puffbesuche auf Firmenkosten wahrnimmt?" Politiker in Bayern zu sein kann offenbar fatale Konsequenzen haben.

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