Offiziell hat die CDU mit dem, was sich derzeit bei ihrer Schwesterpartei tut, natürlich gar kein Problem. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwarte bei einem Wechsel an der Spitze der CSU eine "nahtlose Fortsetzung" der Zusammenarbeit in der Koalition. Die Regierungsarbeit werde weiterhin "reibungslos und gut laufen", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Freitag in Berlin.

Und bereits tags zuvor hatte Merkel ihrem Rivalen aus Bayern die letzte Höflichkeit erwiesen: "Ich glaube, er wird seinen Beitrag leisten, dass die CSU eine sehr starke Kraft, so wie wir es gewohnt sind, in Bayern bleibt", sagte sie. "Ich werde ihn mit Kräften unterstützen, weil ich sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet habe und das auch weiter tun werde."

Die wahren Gefühle dürften ganz andere sein. Spätestens seit Merkel es zur CDU-Chefin gebracht hatte, war das Verhältnis zwischen ihr und Stoiber von Konkurrenz geprägt. Doch während Merkel den Bayern stets loyal unterstützte, sobald er eine Machtfrage für sich entschieden hatte, war das umgekehrt keineswegs der Fall. Allerletzte Gemeinheit des CSU-Chefs: Über seinen  Entschluss, im Machtkampf um den Parteivorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten aufzugeben, hat er Angela Merkel nicht vor seinem öffentlichen Auftritt informiert.

Wie schwierig das persönliche Verhältnis zwischen beiden war, dies zu beobachten gab es im Laufe ihres gemeinsamen Weges viele Gelegenheiten. Eine der jüngsten war der CSU-Parteitag in Augsburg im vergangenen Herbst. Dort war Stoiber ganz offizieller Überschwang für die Chefin der CDU. "Liebe Angela", begann er jeden zweiten Satz in seiner Einleitung vor Merkels Rede. Doch der Kanzlerin fiel so viel Nähe sichtlich schwer. Sie siezte mehrfach zurück, bevor auch sie sich endlich auf den "lieben Edmund" besann.

Unvergessen sind im Kanzleramt aber vor allem die Attacken Stoibers auf Merkels Regierung. Das begann damit, dass er schon die Regierungsbildung erschwerte, in dem er auf ein Superministerium bestand. Die CDU zahlte dafür im Koalitionsvertrag mit der SPD einen hohen Preis. Auf die Spitze trieb Stoiber seine Illoyalität mit seiner Flucht nach Bayern. Mitglied im Koalitionsausschuss blieb er trotzdem und erschwerte dort zahlreiche Regierungsvorhaben. Für Zugeständnisse beim Antidiskriminierungsgesetz handelte er Extrawürste für bayerische Bauern heraus und die Gesundheitsreform drohte bis unlängst ganz am weiß-blauen Widerstand zu scheitern.

Dass Edmund Stoibers Abschied in der Berliner Regierungszentrale nun mit weit mehr Häme als Mitleid verfolgt wird, versteht sich von selbst. Und doch, so richtig freuen kann man sich nicht. Denn bislang ist unklar, wer Stoiber als Parteichef beerben wird. Die Chancen von Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer sind durch die Schmutzkampagne um seine außereheliche Affäre beträchtlich gesunken. Schon zeichnet sich eine Mehrheit gegen ihn ab. Doch bislang hat Seehofer noch nicht aufgegeben. "Es gibt keinen Rechtsanspruch auf den Parteivorsitz", griff er am Freitag seinen Rivalen, Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber, an. Notfalls will er in einer Kampfabstimmung gegen ihn antreten. Seine Chancen stehen jedoch nicht gut. Unter den Bundestagsabgeordneten seiner eigenen Partei hat er nicht eben viele Freunde.