Kreuzberger Straßenkampf

Der Bäckermeister Johann Jacob Koch war, so wollen es die Stadthistoriker wissen, ein ehrenwerter Handwerker und engagierter Kommunalpolitiker, der sich zweifelsfrei um Berlin verdient gemacht habe. Viel ist über ihn allerdings nicht bekannt, das mit dem zweifelsfrei ist so eine Sache. Denn Bäckermeister Koch war zugleich königlich-preußischer Hofrat, Geheimrat und stellvertretender Bürgermeister von Berlin. Als die Stadt außerhalb ihrer Mauern eine neue Straße bauen wollte, tauschte er das erforderliche Bauland gegen drei Grundstücke in der Nähe. Heute würde man vielleicht sagen, Johann Jacob Koch war ein Spekulant und Mäzen, der es mit der Trennung von privaten Geschäften und politischem Amt nicht sehr genau nahm. Vielleicht hat er ja auch seine politischen Ämter für private Zwecke missbraucht. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber wer will ihm daraus noch einen Vorwurf machen, schließlich ist dies schon über 280 Jahre her.

1734 starb Koch. Nach seinem Tod wurde die gerade erst gebaute Kirchstraße ihm zu Ehren in Kochstraße umbenannt. So weit - so gut. Johann Jacob Koch konnte weder ahnen, dass die nach ihm benannte Straße eines Tages durch das Berliner Zeitungsviertel führen würde, dass dort einmal legendäre Zeitungen wie das Berliner Tageblatt , die Berliner Volkszeitung oder die BZ am Mittag produziert werden würden und dass dort heute der große Springer Verlag residiert sowie die kleine, linke tageszeitung . Und er konnte erst recht nicht ahnen, dass er einmal im Mittelpunkt eines etwas bizarren Kulturkampfes stehen würde.

Denn ein Teil der Kochstraße soll in Gedenken an den einstigen Studentenführer Rudi Dutschke umbenannt werden. So hat es die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks im August 2005 mit den Stimmen von Grünen und Linkspartei beschlossen. Doch vor allem die CDU wehrt sich gegen die Umbenennung. Für die Christdemokraten war Rudi Dutschke ein "gewaltbereiter Revolutionär", ein Anti-Demokrat, ein Staatsfeind und deshalb, anders als Johann Jacob Koch, keine historische Persönlichkeit, die es verdient, mit einer Straße geehrt zu werden. Aber in der Bezirksverordnetenversammlung, in der die CDU nur eine kleine Fraktion stellt, verhallten diese Argumente.

Was die Kommunalpolitiker der Union nach ihrer Niederlage im Parlament taten, das hätte Rudi Dutschke jedoch bestimmt gefallen. Denn ausgerechnet die Christdemokraten besannen sich, als kleine radikale Minderheit, der einst von ihm begründeten außerparlamentarischen Tradition: Sie mobilisierten die Anwohner, die für teures Geld neue Visitenkarten drucken lassen müssten, sie sammelte 5500 Unterschriften und initiierte ein Volksbegehren.

Kreuzberger Straßenkampf

Am Sonntag wird nun abgestimmt. Alle 185.592 wahlberechtigten Bewohner des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg sind aufgerufen, darüber zu entscheiden, ob diese Straßenumbenennung noch gestoppt werden soll. 87 Wahllokale werden geöffnet, 250.000 Euro lässt sich der Bezirk den Straßenkampf an der Urne kosten. Die Parteien des Bezirkes nehmen das Bürgerbegehren ziemlich ernst, es gab Plakate und Flugblätter, Podiumsdiskussionen und Wahlkampfveranstaltungen. Die Diskussion über die Straßenumbenennung geriet zum Kreuzberger Kulturkampf.

Anders als über Johann Jacob Koch ist über Alfred Willi Rudi Dutschke so ziemlich alles bekannt; keine Dokumentation, kein Buch, kein Film über die 68er, über die Apo und die Studentenbewegung kommt ohne eine Auseinandersetzung mit dem Berliner Rebellen aus. Jede seiner Reden wurde analysiert, jeder seiner Texte interpretiert. So umstritten Rudi Dutschke sowie sein Denken und Tun bis heute sind, so fest hat er sich im kollektiven Gedächtnis der Nation verankert. Als das ZDF vor drei Jahren in der Fernsehshow Unsere Besten per TED die größten Deutschen kürte, landete Dutschke in bester Gesellschaft auf einem achtbaren 87. Platz, unmittelbar hinter Joseph Beuys und Friedrich Nietzsche und vor Kardinal Lehman und Beate Uhse. Doch obwohl Rudi Dutschke also einer unserer Besten ist, gibt es in Deutschland bislang keine öffentliche Straße, die an ihn erinnert.

Das soll sich jetzt ändern. Vor allem die tageszeitung , die sich in der Nachfolge der 68er-Bewegung sieht und deren Redaktionsgebäude den Namen Rudi-Dutschke-Haus trägt, nutzt die Abstimmung in ihrem Sinne. Von ihr stammt auch die Idee zu der Straßenumbenennung.  Anlässlich des 25. Todestages des früheren SDS-Führer hatte die taz 2004 erstmals gefordert, in Kreuzberg eine Straße nach ihm zu benennen. Grüne und sozialistische Kommunalpolitiker griffen die Idee auf, schnell einigte man sich auf die Kochstraße.

Von Anfang an also standen Journalisten aus der taz -Redaktion an der Spitze der Dutschke-Straßen-Bewegung. Was Springer recht ist war der taz billig. Schließlich hat auch Axel Springer seine Straße im Berliner Zeitungsviertel. Und war nicht der Attentäter Josef Bachmann, der Dutschke im April 1968 mit drei Schüssen lebensgefährlich verletzt hatte, von einer Kampagne der Bild -Zeitung angestachelt worden? War nicht Dutschke an den Spätfolgen dieses Attentats gestorben? Und ist nicht deshalb gerade das Zeitungsviertel der richtige Ort, um den Mitinitiator der "Enteignet-Springer"-Kampagne zu ehren? Die Bild -Zeitung gibt es immer noch, doch die Ziele der Bewegung sind bescheidener geworden. Allein die Vorstellung, dass die breite Rudi-Dutschke-Straße schon bald die kurze Axel-Springer Straße kreuzen könnte, verschaffte den Nachkommen der 68er-Bewegung große Genugtuung.

Kreuzberger Straßenkampf

Es wird wohl so kommen. Denn Aussicht auf Erfolg hat das CDU-Bürgerbegehren kaum. Der Ost-West-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird von Grünen und Anhängern der Linkspartei dominiert: von ehemaligen Hausbesetzern, Studenten und Immigranten sowie im Osten von ehemaligen Angehörigen der DDR-Funktionselite. Der CDU-Kreisverband hingegen ist der wohl erfolgloseste in ganz Deutschland: Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl stimmten nur 8,7 Prozent der Wähler des Bezirkes für die Union.

Scheitert das Bürgerbegehren, kann anschließend nur noch ein Gericht die Rudi-Dutschke-Straße verhindern. Vor dem Berliner Verwaltungsgericht ist eine Klage von 20 Anwohnern anhängig, die sich gegen die Umbenennung und die damit für sie verbundenen Kosten wehren. Dazu gehört die Axel-Springer AG. Aber auch die Klage hat wenig Aussicht auf Erfolg. Vermutlich wird also in ein paar Wochen der letzte Akt in dem Straßenkampf um Rudi Dutschke geschrieben.

Ganz verschwinden wird die Kochstraße allerdings nicht; der westliche Teil bleibt erhalten, auch der U-Bahnhof wird nicht umbenannt. Ganz vergessen wird Berlin also den ehrenwerten Bäckermeister Johann Jacob Koch nicht.