"Mal wieder verändern sich die Dinge", sagt Sonny Rollins und schaut aus dem Fenster des Four Seasons Hotels in New York. Der Blick des Tenorsaxofonisten schweift über den Central Park in Richtung Harlem und Sugar Hill, wo der heute 76-Jährige aufgewachsen ist. Auf seinem Label Doxy Records hat er gerade die CD Sonny, Please veröffentlicht – am 26. Januar erscheint sie auf dem deutschen Markt, in den USA ist sie bereits als bestes Instrumental-Jazz-Album für einen Grammy nominiert.

Ja, es tut sich was. "Heute kommen die Leute nicht mehr über Platten in Kontakt mit Musik, sie lernen sie über das Internet kennen. Ich habe junge Leute getroffen, die meine Musik lieben, aber keine einzige CD zu Hause haben. Mir geht es jedenfalls nicht darum, Platten in die Läden zu stellen, meine Musik kann man downloaden und auf dem iPod hören", sagt Rollins, der keinen Computer benutzt.

Er hat sich für einen weltweit operierenden Vertrieb entschieden, um die mediale Aufmerksamkeit auch über die erste Aufregung hinaus wach zu halten.

Vor zwei Jahren starb seine Frau und Managerin Lucille. Sie hatte sich jahrzehntelang um seine Auftritte und Interviews gekümmert und seinen langsamen Rückzug aus dem Musik-Geschäft so erfolgreich gesteuert, dass seine Konzerte besonders hohe Gagen einbrachten. Nach einer Trauerzeit meldet sich Sonny Rollins dieser Tage in den Jazzmagazinen zurück. Jetzt kann er sich vor Anfragen kaum retten und weiß nicht, wie er das alles bewältigen soll. "Meine Frau und ich hatten eine perfekte Beziehung", berichtet Rollins, "wir wollten beide nicht die Hektik des großen Geschäfts und fanden Wege, uns davor zu schützen. Wir lebten weit entfernt vom Stadtleben, in Germantown. Sie hatte Lust, sich um die Geschäfte zu kümmern, und ich hatte Zeit, mich mit meinem Instrument zu beschäftigen und Bücher zu lesen. Das war eine schöne Zeit über viele Jahre. Nach ihrem Tod musste ich mich selbst um die Geschäfte kümmern, doch ich habe Hilfe von jüngeren Leuten, die sich auskennen und denen ich vertrauen kann."

Über 30 Jahre lang hat er für die kalifornische Plattenfirma Fantasy aufgenommen. Seine letzte dort erschienene CD heißt Without a Song (The 9/11 Concert) und ist ein Mitschnitt eines Konzertes, das Rollins nur wenige Tage nach dem 11. September 2001 in Boston gab. Den 11. September musste er in seinem Apartment nahe dem World Trade Center ausharren, am 12. September wurde dann das Wohnhaus evakuiert.

In den letzten Jahren wurde der Rollins-Klassiker The Freedom Suite , den er selbst einmal als "den ersten ausführlichen sozialen Kommentar im Jazz" bezeichnet hat, neu interpretiert: Die Einspielungen von David S. Ware und Branford Marsalis geben der legendären Aufnahme von 1958 eine aktuelle Färbung.

Dem Free Jazz, der früh als musikalischer Ausdruck von Zorn und Protest gebrandmarkt wurde, ist Sonny Rollins kaum verbunden, auch wenn er seine frühere Band mit dem Trompeter Don Cherry heute als "Semi-Avantgarde" bezeichnet. Er bedauert, dass sein Schüler, der Saxofonist David S. Ware, eine Karriere als Avantgarde-Musiker verfolgt und über mangelnde Anerkennung klagt. "Jazz erlebt in puncto Wahrnehmung und Akzeptanz gerade eine schwierige Phase", resümiert Rollins. "Es gibt Leute, die sehr angepassten Jazz spielen, so genannten Straight Ahead Jazz, aber auch sie bewirken kaum etwas. Dennoch ist es schwer zu sagen, welche Musik in welchem Maß Anspruch auf Akzeptanz hat. Kann man das einklagen? Oder ist es doch eher eine subjektive, individuelle Entscheidung? Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht dafür bekannt ist, unkommerzielle Kunst zu lieben. Alles dreht sich um den Profit – und Künstlern, die von dieser Norm abweichen, stehen harte Zeiten bevor."

Nur vage äußert sich Sonny Rollins zur Zukunft des Jazz. Er glaubt, es gebe immer noch Möglichkeiten, anders zu klingen, sich von anderen zu unterscheiden, doch beschreiben könne er das nicht. Es sei ein innerer Klang, dem er folge. "Ich kannte Charlie Parker, Billie Holiday und Thelonious Monk persönlich", erzählt Rollins. "Das waren großartige Persönlichkeiten, ganz besondere Menschen. Doch im amerikanischen Film wird der Jazz immer als Musik des Teufels dargestellt – Drogen und Tod, das ist ein falsches Image. Keiner würde auf die Idee kommen, die Musik von Händel als Soundtrack für eine brutale Mordszene zu nehmen, mit dem Jazz macht man das einfach. In Frankreich habe ich kürzlich erst im Radio Stücke von Bach, Parker und Piaf gehört, und zwar aufeinander folgend – verschiedene hochwertige Musik in einem Programm, das gefällt mir. Die Stereotypen und Klischees, mit denen operiert wird, sobald es um Jazz geht, sind hingegen nur diskriminierend."

Hören Sie in diesem Audiobeitrag von Christian Broecking, wie Sonny Rollins über die jüngsten Veränderungen in seinem Leben spricht.

Lesen Sie hier unsere Besprechung der CD "Sonny, Please", und hören Sie ein Stück daraus.