Hinter dem Höfðinn zeichnen sich erste rosarote Streifen ab. Es ist Januar, zehn Uhr morgens, und langsam wird es hell an der Küste der Halbinsel Snæfellsnes im Nordwesten Islands. Die Weite der Landschaft ist von Schnee bedeckt, der in verschiedenen Farbnuancen schimmert, strahlend weiß, bläulich, rot vom Schein der Sonne.

Ein ganz normaler Arbeitstag beginnt für den Postboten Harald Brynjarsson aus Ólafsvík. Der knapp vierzigjährige Isländer sitzt gelassen in seinem Jeep, dessen Rückbank von Kästen und Paketen beladen ist. Blond, mit hellen Augen und einer Haut, die mehr Schnee als Sonne gesehen hat.

Ólafsvík war einst ein belebter Ort mit Saisonarbeitern aus aller Welt, Pubs und gemeinsamen feuchtfröhlichen Abenden, heute wirkt die kleine Gründung aus dem 17. Jahrhundert eher verschlafen. Die Fischfabriken geben nur noch wenigen Menschen Arbeit, und im Winter verirrt sich nur selten ein Tourist hierher. Das Pakkhús, einst Lagerhaus, heute Touristenbüro und Museum, ist geschlossen, die ersten Whale-Watching-Touren beginnen erst wieder im Juni. Dabei machen die Stille, jene besondere Mischung aus verschneiten Hängen und pastellfarbenem Licht und der berühmte Gletscher Snæfellsjökull Island gerade auch im Winter zu einem besonderen Reiseziel.

Etwa 50, oftmals weit auseinander liegende Höfe beliefert Harald täglich. Sein Einzugsbereich hat sich mit den Jahren vergrößert, inzwischen ist er fast für die ganze Snæfellsnes-Halbinsel zuständig. Mehr als 260 Kilometer jeden Tag, je nach Wetter fünf bis sechs Stunden Fahrt. Etwa die Hälfte der Höfe wird landwirtschaftlich genutzt, wenn auch in bescheidenem Rahmen, der Rest teilt sich in Schulen, Hotels, Gästehäuser und Privatunterkünfte auf. Hier bewirtschaften die Menschen ein Kartoffelfeld, dort halten sie ein paar Schafe. Doch meist sind die Tiere ein Hobby, nur wenige leben davon.

Der Weg führt an an den Berg geschmiegten Häusern vorbei. Mittags, als der Hof Stekkjavellir hinter ihm liegt, ist "Cookie-Time", wie Harald erklärt. In einer Dose ruht eine Auswahl an Keksen, made in Reykjavík, dazu gibt es Kaffee aus der Thermoskanne. Da auch Harald, wie viele Isländer, noch andere Jobs hat, bleibt nicht viel Zeit für Pausen. Die Lebenshaltungskosten auf Island sind sehr hoch und wer ein wenig mehr vom Leben möchte als die Grundversorgung, kommt mit einem Job kaum aus. Harald, eigentlich gelernter Zimmermann, schätzt die Sicherheit des Postberufes, doch nach Ablieferung des letzten Briefes steht er oft genug bis in den späten Abend an der Kreissäge oder hämmert das Gerüst für ein neues Haus zusammen.

Die Straße führt Richtung Süden nach Buðir; das Meer leuchtet blau herüber, hat sich nun aus dem sanften Morgenlicht herausgeschält und in einen scharfen Kontrast zum Weiß der Berge und Felder verwandelt. In der Ferne ruht der Snæfellsjökull, Zentrum zahlreicher esoterischer und schriftstellerischer Fantasien eines der Energiezentren der Erde soll er sein und der Einstieg zum Mittelpunkt der Erde sowieso, jedenfalls laut Jules Verne. Harald erklärt dazu nur lapidar, dass der französische Autor offenbar schlecht recherchiert habe, denn an der Stelle, an der die Gruppe das Berginnere besteigt, sei ein Zugang gar nicht möglich.

Die Küste von Buðir liegt verlassen da, die Gischt schlägt gegen das schwarze Gestein, rollt über den Sand zurück ins Meer. So einsam war es hier nicht immer. Zur Zeit der ersten Siedler wurde intensiv gefischt, später auch gehandelt. Zahllose Fischer hatten hier ihre Hütten, Händler kamen aus Bremen, um Fisch und Lebertran zu kaufen. Dann aber, im Jahre 1799, wurde der blühende Handelsort von einem Sturm weggefegt und nicht wieder aufgebaut. Heute ist die menschenleere Küstenregion ein Naturschutzgebiet, in dem seltene Pflanzen zu finden sind.

Es geht am Gletscher vorbei, und Harald greift zur Kamera, die bei jeder Fahrt auf dem Armaturenbrett liegt. Unzählige Fotos hat er bereits unterwegs gemacht, die Route im Sommer, die Route im Winter, und jeder Tag anders. Niemals dasselbe Licht, manchmal Wolken, manchmal Klarheit. Ein Fuchs, der die Straße quert, Vogeljunge, die mit glänzenden Knopfaugen in die Kamera blicken. Wolkenformationen und Pferde im blauen Dämmerlicht, flatternde Mähnen im Schneesturm. Und immer wieder Berge, der Gletscher, klar und ewig oder verborgen in Nebelwolken.