Allmonatlich lädt Tony Blair zur Pressekonferenz in 10 Downing Street ein; jedes Mal traben die Journalisten hin, obwohl diese Veranstaltungen aller Erfahrung nach wenig Ertrag bringen. Die Vertreter der Presse sind vor allem darauf aus, möglichst unangenehme Fragen zu stellen, auf einen falschen Zungenschlag, eine Blöße des Premiers spekulierend.

Fast immer versteht es Blair, die Fallstricke zu vermeiden. Ansonsten macht er keinen Hehl daraus, wie wenig er auf das gibt, was die Presse schreibt. Er unterziehe sich vor jeder Pressekonferenz der Aufgabe, die Zeitungen zu lesen, aber es sei "keine besonders erfrischende oder inspirierende Lektüre". Was daran liegen mag, dass seine Politik keinen Anlass dazu gibt, Erhebenderes zu schreiben. Zu gleichen Teilen hat das aber auch damit zu tun, dass ein Großteil der Presse mit Blair fertig ist. Man wartet eigentlich nur auf die erlösende Nachricht seines Abgangs, spekuliert gerne darüber oder versucht gar, den Exit herbeizuschreiben.

Die Ungeduld der Medien ist erstaunlich. Denn jedes Kind weiß inzwischen, dass der Premier spätestens im Juli dieses Jahres nicht mehr im Amt weilen und sein Nachfolger Gordon Brown heißen wird. Blair wird sich auf dem EU-Gipfel in Berlin und dem Treffen der G8 verabschieden. Das ist der Plan, auf den sich Blair mit Gordon Brown geeinigt hat. Auch wenn es bei Labour nicht wenige Kräfte gibt, die ängstlich auf die jüngsten, negativen Umfragen für die Regierungspartei schauen und einen schnelleren Abschied von Blair herbeisehnen, in der Hoffnung, dass sich dann alles zum Besseren wenden werde.

Der Politiker, den man einst "Tevlon Tony" taufte, weil nichts an ihm hängen blieb, ist zum "Toxic Tony" mutiert, an dem sich alle tatsächlichen oder vermeintlichen Sünden der politischen Klasse festmachen lassen. Aber noch hält der Burgfrieden, der auf dem Labourparteitag im Oktober besiegelt worden war, nach dem missglückten Putschversuch von Anhängern Gordon Browns. Bislang haben beide Lager, Blairites wie Brownanhänger, erstaunliche Disziplin bewiesen. Der vielzitierte "reibungslose Übergang" funktioniert bislang.

Doch ausgerechnet die Polizei könnte nun einen Strich durch alle Rechnungen machen. Das signalisierte ein Ereignis am Freitag vergangener Woche. Im Morgengrauen hatte da eine Sondereinheit von Scotland Yard eine junge Frau namens Ruth Turner verhaftet, Hüterin von Blairs Terminkalenders und enge Vertraute des Premiers. Die Aktion der Polizei löste in Westminster, am Sitz von Parlament und Regierung, hochgezogene Augenbrauen und stille Empörung aus. Manche Minister fragten öffentlich, ob es notwenig gewesen sei, die junge Frau früh morgens aus dem Bett heraus zu holen, nur um sie zu vernehmen.

Es sieht so aus, als habe der Polizei daran gelegen, Entschlossenheit zu demonstrieren. Seit gut einem Jahr geht sie der Anschuldigung nach, die Regierung habe für Parteispenden einige Lordtitel verkauft. Anfangs nahm niemand in Westminster die Sache so richtig ernst. Ein Abgeordneter der schottischen Nationalisten hatte unter Berufung auf ein Gesetz von 1920 Anzeige gegen "Unbekannt" erstattet, weil ihm die Besetzung der Live Peers, der Lords auf Lebenszeit, durch die großen Parteien verdächtig vorkam.