Köln. Als die Masse allmählich aus ihrer Trance aufwachte, aus ihrem irgendwie auch beängstigenden Rausch, als dieses Meer aus schwarz-rot-goldenen Fahnen nicht mehr wogte, sah man allenthalben in ungläubige Gesichter. Überall Kopfschütteln. Und viele der 19.000 Zuschauer in der Kölnarena wirkten erschöpfter als die Handballprofis, die eben das Viertelfinale der XX. Weltmeisterschaft bestritten hatten. 60 Minuten lang hatte es gedampft, gebrodelt und gekocht in diesem riesigen Kessel, und als der Hamburger Torsten Jansen drei Sekunden vor der Sirene einwarf zum 27:25 (15:12) und den Titelverteidiger Spanien vom Thron stieß, erschütterte ein kollektiver Urschrei die größte Veranstaltungshalle Europas.

Wie groß die Emotionen waren, wie dicht und intensiv die Atmosphäre, wie elektrisierend der Spielverlauf, das dokumentierten auch die Aussagen einiger Spieler. "Mann, bin ich fertig, ich kann nicht mehr", sagte Torwart Johannes Bitter. Dabei war er nur bei einem Siebenmeter zum Einsatz gekommen. Von einem "unvergleichlichen Erlebnis" sprach Bundestrainer Heiner Brand, kein Mann der Superlative.

Es hatte wieder wundersame Leistungsexplosionen in der deutschen Mannschaft gegeben. Sensationell etwa die Auftritte der beiden Halbrechten Christian Zeitz und Holger Glandorf, die insgesamt acht Mal den Ball in die Maschen warfen, nein besser: hineinprügelten – hingegen der rechte Rückraum der Spanier nur ein Tor zustande brachte. Aufsehen erregend auch der Auftritt von Michael Kraus, dem man nie anmerkte, dass er nur Ersatzmann für den etatmäßigen, aber verletzten Spielmacher Markus Baur ist.

Nur fünf Tage zuvor, beim Hauptrundensieg gegen Tunesien, hatte sich der 23-jährige Göppinger vom Bundestrainer vor laufender Kamera noch deftige Kritik gefallen lassen müssen ("Was spielst Du hier für eine Scheiße?"). Seitdem spielt der junge Regisseur wie aufgedreht, narrt die Gegenspieler mit seiner jugendlichen Chuzpe, strahlt dabei Torgefahr aus und lässt mit seinen Anspielen teilweise Genialität aufblitzen – ohne dabei hektisch zu werden.

Diese Ruhe in der Mannschaft, diese kalte Abgezocktheit, ist momentan der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt im deutschen Spiel. Während einige Gegner zuletzt überfordert wirkten angesichts der atemberaubenden Kulisse und, wie gestern etwa Spaniens Spielmacher Iker Romero, offensichtlich Nerven zeigte, haben die deutschen Spieler längst eine Lösung gefunden, diese infernalische Lautstärke, diesen unglaublichen Druck von den Rängen in spektakuläre Leistungen umzumünzen.

"Wir spielen am Limit" sagte Brand gestern, was nicht nur ein Kompliment an die Spieler sein dürfte, sondern letzten Endes auch an ihn. Denn der Bundestrainer hat weitaus mehr aus diesem Team herausgeholt, als alle für möglich hielten. Der 54-jährige Gummersbacher konzedierte hinterher, nicht immer an die Qualität dieser Mannschaft geglaubt zu haben: "Aber jetzt haben wir Europameister Frankreich und Weltmeister Spanien geschlagen, deshalb haben wir nun gegen jeden Gegner eine Chance." Auch am Donnerstag gegen den Kroatien-Bezwinger Frankreich, nach dem 29:26-Erfolg in der Hauptrunde am Donnerstag der Gegner im Halbfinale. Die nächste Trance steht bevor.

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