Dortmund. Allemal seltsam, wenn ein Trainer eine herbe Niederlage mit einem vielsagenden Lächeln quittiert – und unter der Hand davon spricht, "der Plan" sei aufgegangen. Genau das war der Fall nach dem klaren 33:28 (17:11)-Sieg der deutschen Handball-Nationalmannschaft am Sonntagnachmittag gegen Island.

Alfred Gislason nämlich, der Trainer der beinharten Männer aus dem Nordatlantik, hatte zu Beginn des letzten Hauptrundenspieltages bei dieser XX. Weltmeisterschaft seine besten Profis auf die Bank beordert, darunter Olafur Stefansson, den besten isländischen Linkshänder aller Zeiten. Weil Island, wie auch Deutschland, bereits das Viertelfinale erreicht hatte und Kräfte sparen wollte – und für diese K.o.-Runde, die am Dienstag in Köln und Hamburg ausgespielt wird, auf leichtere Gegner spekulierte.

Ob sich diese Strategie am Ende bewährt, wird sich zeigen. Island jedenfalls spielt nun im unteren Tableau gegen den EM-Dritten Dänemark und träfe im Falle eines Sieges auf Polen oder Russland. In Köln hingegen versammeln sich alle verbleibenden Topfavoriten, hier kommt es zu zwei Klassikern der Handballgeschichte. Der bisher enttäuschende Europameister Frankreich muss sich mit Olympiasieger Kroatien messen. Hier dürfen sich die 19000 Zuschauer in der riesigen Kölnarena auf Daniel Narcisse, Nikola Karabatic und Ivano Balic freuen, die besten Individualisten dieser Weltmesse des Handballs. Und weil sich die deutsche Mannschaft nicht gegen den geschenkten Sieg gegen Island wehrte, vielmehr Wert auf die Fortsetzung ihres sportlichen Laufes legte, ist nun kein anderer als Weltmeister Spanien der Gegner.

Die jüngere Geschichte verspricht für diese Begegnung ein Spektakel. Nachdem Spanien sich im olympischen Viertelfinale 2000 in Sydney mit einem Tor durchsetzte, als Stefan Kretzschmar den letzten Wurf an die Latte bugsierte, revanchierte sich Deutschland im Athener Viertelfinale von 2004 dafür. Im vielleicht spannendsten Spiel der Handballgeschichte rettete sich das Brand-Team zweimal in eine Verlängerung, bevor Torwart Henning Fritz beim abschließenden Siebenmeter-Werfen zu einer Wand mutierte und so letztlich die olympische Silbermedaille ermöglichte. Vor einem Jahr, in der Vorrunde der EM, endete das Duell der beiden besten Ligen der Welt unentschieden, nach ebenfalls kolossalem Kampf.

Die spanischen Profis um Kapitän Iker Romero sind exzellent eingespielt und gelten als clevere, abgezockte Minimalisten. Bundestrainer Heiner Brand kann also sein Lieblingsszenario entwerfen und sein Team zum Außenseiter stempeln. In Wirklichkeit aber stehen die Chancen gleich, da die vergleichsweise unerfahrene deutsche Mannschaft mit zuletzt vier Siegen in Folge "das Feuer der Fußball-WM wieder entfacht" (Brand) hat und ein fanatisches Publikum hinter sich weiß.

"Es gibt nicht viele Mannschaften, die jetzt gern gegen uns spielen wollen", weiß auch Christian Schwarzer, der reaktivierte 37-jährige Kreisläufer, um diesen wichtigen Faktor. Und selbst Brand ließ sich ungewohnte Töne entlocken: "Wir sind noch nicht am Ende. Die WM geht jetzt eigentlich erst richtig los." Wenn nicht alles täuscht, stehen große Handballabende bevor.