Halle/Westfalen. Die Blicke entrückt, die Augen geweitet, verließen die Handball-Helden, nachdem sie minutelang von der Stimmung gekostet hatten, das Gerry-Weber-Stadion. Die meisten Spieler hatten das eben Erlebte noch nicht begriffen. "Deutschland, Deutschland", skandierten die 11.000 Zuschauer da immer noch, obwohl diese Partie, die nicht nur wegen der infernalischen Lautstärke mehr den Charakter eines krachenden Rock-Konzertes hatte, längst beendet war.

"Eine solche Atmosphäre habe ich noch nicht erlebt", staunte Kapitän Markus Baur (Lemgo), auch Vereinskollege Florian Kehrmann suchte vergeblich nach einem vergleichbaren Erlebnis. Nach dem klaren 35:29 (17:14)-Sieg gegen Slowenien scheint die deutsche Nationalmannschaft endlich im Turnier angekommen. Nach diesen flirrenden 60 Minuten wird es schwer für jeden Gegner, den Gastgeber bei dieser XX. Weltmeisterschaft zu schlagen.

Nur zwei Tage zuvor waren die Spieler nach dem deprimierenden 25:27 gegen Polen mit einer verheerenden Körpersprache vom Feld getrottet. Gegen Slowenien war die daraus resultierende Verunsicherung zunächst noch zu greifen. Doch dann veränderten zwei Minuten alles, und verantwortlich dafür zeichnete vor allem ein Mann: Pascal Hens.

Als der Hamburger Rückraumschütze beim Stand von 3:3 zwei Mal den Ball ins Tor warf, besser: hämmerte, und das in Unterzahl, zerschlug er damit den gordischen Knoten. Diese beiden Treffer waren der Brustlöser, alles danach war ein einziger Rausch. Nun funktionierte sogar der Kempa-Trick, die technisch anspruchsvollste Angriffsvariante, bei der ein Angreifer in den Torraum springt, den Ball in der Luft aufnimmt und ins Tor befördert. "Wir wollten zeigen, was wir drauf haben", sagte Hens hinterher, der mit neun Toren erfolgreichste Torschütze.

Die Leistungsexplosion des einzigen echten "Shooters" im deutschen Team gibt Anlass zu Optimismus. War "Pommes", wie er wegen seiner vergleichsweise dürren Arme von seinen Kollegen gerufen wird, doch in der jüngeren Vergangenheit eine Art Index des deutschen Spiels. Trifft der 26-Jährige die so genannten "leichten Tore" aus dem Rückraum, wird er so eingesetzt von seinen Mitspielern, dass er unbedrängt aus neun Metern werfen kann, ölt er damit den kompletten deutschen Angriffsmotor. Dann nämlich sind die gegnerischen Verteidiger gezwungen, Hens früher zu attackieren - was automatisch größere Räume für den Kreisläufer eröffnet.

Kein Zufallsprodukt waren daher die vier Tore aus der Nahdistanz, die gestern der reaktivierte Christian Schwarzer erzielte. Schon in den Jahren 2002 bis 2004 war jedenfalls die "Goldene Generation", die viermal in Folge das Finale erreichte, auf die Kanonen des Hamburgers angewiesen. In der Vorbereitung auf die Heim-WM wirkte Hens manchmal blockiert, gehemmt. Jetzt trifft er wieder. Gott sei Dank.

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