Dortmund - Andere hätten in diesem Moment den süßen Triumph ausgekostet. Andere hätten genüsslich den vielen Kritikern das Maul gestopft. Die Verlockung war groß nach dem klaren 35:28-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Afrikameister Tunesien. Dieser zweite Hauptrundenspieltag der XX. Handball-Weltmeisterschaft hatte eine perfekte Gelegenheit dargestellt, schließlich war die Mannschaft erneut enthusiastisch gefeiert worden von rund 12.000 Zuschauern in der Westfalenhalle, und bei nun 4:2-Punkten ist der Weg in das Viertelfinale am Dienstag in Köln nicht mehr weit.

Was aber macht Heiner Brand? Der Bundestrainer sitzt vorn am Pult, studiert stoisch die Statistiken der Partie, die einzelnen Wurfquoten, die Prozentzahlen der Torleute, den Spielverlauf. Und dann sagt der 54-jährige Gummersbacher, in maximal unaufgeregter Manier: "Diese beiden Siege gegen Slowenien und nun Tunesien waren eine gute Reaktion auf die Niederlage in der Vorrunde gegen Polen. Aber in dem Stil muss es jetzt auch weitergehen." Trockener und lakonischer geht es kaum.

Dabei hatte sich seine konservative Philosophie, auf seine Stammspieler selbst in schweren Krisen zu bauen, an ihnen mit Nibelungentreue festzuhalten trotz massiver öffentlicher Kritik, in diesen 60 Minuten mehr als bezahlt gemacht. Drei große Sorgenkinder waren in Dortmund wie Phoenix aus der Asche aufgetaucht: Torhüter Henning Fritz - der in seinem Kieler Klub nur noch dritte Wahl darstellt, eigentlich zu wenig Matchpraxis mitbrachte für eine WM und bisher zu schlecht gehalten hatte – wurde nach einer Weltklasseleistung zum Spieler des Tages erkoren, da er den Gegner mit blitzschnellen Reflexen (und drei gehaltenen Siebenmetern) in den Wahnsinn getrieben hatte. Vereinskollege Christian Zeitz - der wurfgewaltige Linkshänder im Rückraum, der zuletzt die deutschen Fans mit hektischen Würfen aus dem Stand verzweifeln ließ – war mit sieben krachenden Toren und teils famosen Anspielen an den Kreis zum besten Feldspieler avanciert. Torsten Jansen - der lange formschwache Linksaußen vom HSV Hamburg, der in der Liga-Hinrunde wegen vieler Verletzungen nie die Form der EM 2004 nachgewiesen hatte – verteidigte nun plötzlich auf Weltniveau und erlangte auch wieder im Angriff die nötige Sicherheit.

Wie gesagt, Brand hätte sich alle drei Comebacks auf die eigene Fahne schreiben lassen können, nach zehn Jahren als Bundestrainer weiß er schließlich, wie die Medienvertreter ticken: Ein paar clevere Zitate, und die Zeitungen hätten am nächsten Tag Heldenepen auf ihn gesungen. Doch auch das zeichnet diesen knorrigen Mann mit der Brummstimme aus: Dass er nicht den kurzfristigen Erfolg genießt, sondern die langfristigen Ziele nie aus dem Blick verliert. Selbst wenn die Mannschaft also ihren Lauf fortsetzen sollte und sogar gegen den WM-Favoriten Frankreich gewinnen könnte – Jubelgeschrei des Bundestrainers würde das sicher nicht provozieren, weil damit nicht mehr gesichert wäre als der Einzug in das Viertelfinale. Und nicht nur die Spieler haben, sondern auch er hat sich schließlich mehr vorgenommen.

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