"Wir knallen sie durch die Wand", sagte Jürgen Klinsmann, bevor er seine Mannen im vergangenen Sommer zum letzten Vorrundenspiel der Fußball-Weltmeisterschaft auf den Rasen des Dortmunder Westfalenstadions schickte. "Das Achtelfinale lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem, schon gar nicht von den Polen." Einige politisch korrekte Spielverderber sahen da bereits die Grenze zum Rassismus überschritten. Dabei erhellt die Szene aus Sönke Wortmanns Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" vor allem, wie banal vermeintliche Feingeister auf der Trainerbank ihre Spieler motivieren, von "brutal zuschlagen" war in der Kabine von Klinsmanns Spaßfußballern die Rede, vom "Arsch aufreißen" oder gar von "Wir müssen denen auf die Fresse geben".

Heiner Brand gilt auch als Feingeist. Er wird ähnliche Worte gefunden haben, bevor er seine Handballer am Sonntag in die Köln Arena schickte. Zum Beispiel: Haut den Polen auf die Fresse. Schwarzer, Kehrmann und Co nahmen die Aufforderung ziemlich wörtlich. Für das deutsch-polnische Verhältnis ist es egal, das ist sowieso am Arsch. Aber geholfen hat es. 29:24. Wintertraum statt Sommermärchen. Deutschland ist Handball-Weltmeister.

Thomas Schaaf hingegen hat in der Öffentlichkeit bislang nicht als Feingeist reüssiert. Er gilt als norddeutsch-unterkühlter und wortkarger Fußballstratege. Deshalb kann man sich auch nicht vorstellen, dass dieser in der Kabine von Werder Bremen überhaupt redet, geschweige denn, dass er seine Spieler gar mit derben Sprüchen heiß macht. Und vielleicht liegt es daran, dass Werder Bremen in dieser Saison wieder einmal ein entscheidendes Spiel verloren hat. Erst Barcelona, jetzt Schalke. Diego schwach, Klose chancenlos. Zweimal Lövenkrands, und schon ist Schalke Tabellenführer. Was hätte Thomas Schaf auch brüllen sollen? Zwar kamen die Schalker Fußball-Väter einst aus dem Osten in den Ruhrpott, aber der Spruch "Knallt die Polen durch die Wand" würde zumindest bei Miroslav Klose ziemlich schlecht ankommen.

Apropos Sommermärchen. Zu den absurdesten und zugleich erhellendsten Szenen in Sönke Wortmanns Film gehört jene, in der die Bundeskanzlerin das Mannschaftsquartier im Berliner Grunewald besucht. Da steht also Angela Merkel vor der fast vollständig angetreten Truppe von Fußballmillionären und versucht, dem Nationaltorwart Jens Lehmann, seiner Frau und seinen drei Kindern mit dem Hinweis auf das Elterngeld die Rückkehr von London nach Deutschland schmackhaft zu machen. Und wenn sich dieser entschließen könne, ebenfalls auf die Kinder aufzupassen, gäbe es die maximal 1800 Euro sogar zwei Monate länger.

Man wünscht sich dieser Tage eine Fortsetzung dieses Erfahrungsaustausches zwischen Politik und Sport. Zum Beispiel am Sonntagabend in der Vip-Lounge des Weserstadions: Kevin Kuranyi kommt vom Duschen. Er hat gerade mit Schalke 04 das Tor zur Meisterschaft weit aufgeschossen, und nun erklärt die Kanzlerin dem Stürmer ihre außergewöhnliche Leistung der vergangenen Woche: die Gesundheitsreform. Das sei auch ein hartes Stück Arbeit gewesen, sagt Angela Merkel also, der Gegner brutal, aber unsere Spielmacherin Schmidt kampfstark. Das Ergebnis könne sich sehen lassen. Der Einheitsbeitrag zum Beispiel, der Gesundheitsfonds oder auch die Pflichtversicherung. Kuranyi blickt ein bisschen verlegen, seine Mitspieler grinsen schon, und dann fragt er, ob im Basistarif der Privatversicherung auch die tägliche Massage seiner Waden bezahlt werde.