Köln - Ein letztes Mal waren Stürme des Jubels durchs riesige Rund gefegt, ein letztes Mal hatten die wuchtigen Sprungwürfe eines Pascal Hens die Kölnarena bedenklich wanken lassen, ein letztes Mal waren 19.000 Menschen zu einer wogenden Masse in Schwarz, Rot und Gold zusammengeschmolzen. Und als der 29:24 (17:13)-Sieg der deutschen Handballnationalmannschaft gegen Polen feststand, das ersehnte Siegel auf den nach 1938 und 1978 dritten Titel bei einer Weltmeisterschaft, hatte dieser wundersame sportliche Aufstieg sein spektakuläres Ende gefunden.

"Für mich ist heute ein Märchen in Erfüllung gegangen", stammelte Torhüter Henning Fritz. "Ganz ehrlich, all das hätte ich vor ein paar Wochen nicht für möglich gehalten", bekannte Bundestrainer Heiner Brand, der Vater des Erfolges, während die Menge um ihn herum noch die Lautstärke eines startenden Düsenjets produzierte. "Ich bin schon sehr stolz auf die Mannschaft", sagte der 54jährige Gummersbacher, der es nun dem von ihm verehrten Franz Beckenbauer nachgemacht hat: Als erster Handballer der Welt führt er nun als Spieler (1978) wie als Trainer (2007) den Titel eines Weltmeisters. Seine Spieler drückten ihre Verehrung vor dieser Leistung mit einem angeklebten Schnauzbart aus, seit Jahren das Markenzeichen des Bundestrainers.

Deutschland ist Handball-Weltmeister – das hatten selbst Superoptimisten für undenkbar gehalten. Noch eine Woche vor dem Start in die WM, beim letzten Testspiel in München gegen Ägypten, stellte sich die Mannschaft als Wrack dar. Beinahe der halbe Kader war verletzt, Brand hatte damals nicht einmal einen Kreisläufer zur Verfügung, und die Form des Torhüters Henning Fritz war so labil, dass mancher Experten ihn lieber ausgetauscht hätte. Noch in der Vorrunde schließlich geriet das Team gegen Polen unter die Räder.

Dann diese glückliche Fügung: Wegen einer Verletzung beorderte Brand den 37-jährigen Christian Schwarzer zu einem Comeback. Der Kreisläufer hat seine besten sportlichen Zeiten längst hinter sich, doch mit seiner Leidenschaft und seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein belebte er ein tot wirkendes Team. Von vielen belächelt, prognostizierte Schwarzer vier Siege in der Hauptrunde – und sollte Recht behalten. Beim nächsten Spiel gegen Slowenien waren auch die jungen Profis erstmals fähig, die überschäumende Euphorie auf den Rängen in positive Energie umzusetzen. Und dann begann er, dieser einzige spielerische und kämpferische Rausch, in dem zuletzt die favorisierten Weltmeister Spanien und der Europameister Frankreich untergingen.

Ob der Enthusiasmus um die Handballer, die am Sonntagabend vor dem Kölner Rathaus mit einem Volksauflauf von 30.000 Menschen kulminierte, nur eine Verlängerung jener Party ist, die sommers beim Fußball gefeiert wurde, oder ob dieser Triumph ein Art Urknall für diese Sportart bedeutet und sie nachhaltig weiterbringt, werden freilich erst die nächsten Monate erzählen. "Es sind alle gefordert, diesen Aufschwung zu nutzen", sagt Brand. Er hat, stoisch wie immer, seine Arbeit bereits erledigt. Und hat sich damit zu einer lebenden Legende seiner Sportart erhoben.

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