Köln. Das Drama produziert ein ganzes Fass an Bildern, die sich in das Gedächtnis der 19.000 Zuschauer in der riesigen Kölnarena einbrennen werden: Diese Momente, in denen Torwart Henning Fritz am Ende der zweiten Verlängerung zwei gewaltige Sprungwürfe hält und danach, den geharzten Ball als Trophäe hochhaltend, über das Spielfeld jagt, bevor ihn seine Mitspieler einholen und förmlich vergraben. Der Held gefangen in einer Traube aus schwitzenden Leibern.

Diese bewegende Szene, in der Kreisläufer Christian Schwarzer auf die Tribüne eilt, seinen Sohn auf den Arm nimmt und dabei Sturzbäche an Freudentränen vergießt. Dieser rührende Augenblick, in dem Rechtsaußen Florian Kehrmann, ebenfalls auf der Tribüne, seinem Vater stumm in die Arme fällt. Mit diesem 32:31 (27:27, 21:21, 11:12) gegen Europameister Frankreich haben die deutschen Handballer nicht nur das Finale der Weltmeisterschaft erreicht. Diese 80 flirrenden Minuten, die ihren festen Platz in der Handballgeschichte finden werden, haben auch große Emotionen freigesetzt. Bei den Zuschauern wie bei den Profis.

Während sein Team noch feiert, eilt Bundestrainer Heiner Brand bereits die steilen Ränge hinauf, um die ersten TV-Interviews zu geben. "Ich konnte mir noch vor zwei Wochen nicht vorstellen, dass so etwas passieren könnte", sagt der 54-jährige Gummersbacher, noch ein wenig benommen. Diese letzten Wochen kann man wie das märchenhafte Ende seiner heroischen Mission bezeichnen.

Seit zehn Jahren ist er, der 1978 als Aktiver Weltmeister geworden war, nun als Bundestrainer tätig. Er übernahm die Nationalmannschaft in einer krisenhaften Zeit; just war die Qualifikation für die WM 1997 verpasst worden. Seitdem wirbt der knorrige Brand, ein Taktikfuchs und glänzender Psychologe, öffentlich wie kein Zweiter für seine Sportart. Er kämpft mit aller Macht gegen ihren Status als Randsportart, kommt nahezu jedem Interviewwunsch nach - und jetzt, nach diesem langen Anlauf von zehn Jahren, wird er wie ein Messias gefeiert.

All das muss Brand wie ein großer Traum vorkommen: Bundespräsident Horst Köhler wohnt den Spielen bei und kommt gar nicht heraus aus dem Schwärmen: "Diese Mannschaft ist einfach toll. Ich kann kaum an mich halten". Bundeskanzlerin Angela Merkel ruft ihn an, und noch nie seit Einführung des Privatfernsehens in den 1980er Jahren sind die TV-Quoten beim Handball so hoch gewesen.

Ändern wird dieser Triumph Brands beinahe demütige Haltung vor seiner Sportart nicht. Er wird weiter still genießen. Als er gestern das Parkett der Kölnarena verlassen wollte, jubelten ihm die rund 5000 verbliebenen Zuschauer frenetisch zu, weshalb er stehen blieb und einigen Fans noch Autogramme gab. Erst dann verschwand er in die Katakomben der riesigen Arena. Er hat noch etwas zu tun. Am Sonntagnachmittag, im Finale in Köln gegen die Polen, will er seine Mannschaft zum ersten WM-Titel seit 1978 führen. Noch ist sein Auftrag, so sieht er es jedenfalls, nicht erfüllt.

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