Die Entscheidung über die Zukunft des Kosovo gibt Russland einmal mehr das Gefühl, als Großmacht unentbehrlich zu sein. Moskau fühlt sich geschmeichelt. Denn die Bombenangriffe der Nato gegen serbische Ziele während der Kosovo-Krise 1999 und die eigene Ohnmacht waren den Russen als tiefe Demütigung in Erinnerung geblieben. Russland steckte damals in Korruptionsskandalen, die bis in die Präsidentenfamilie Jelzin führten, und war nach außen von einem Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds abhängig. Es reichte nur zu einer symbolischen Geste, als Ministerpräsident Jewgenij Primakow seinerzeit das Flugzeug auf dem Weg nach Washington umkehren ließ, und nach Art eines Hasardeurs den Flughafen von Pristina besetzte.

Doch mit dem Renommee, das Schicksal von Grenzen und Völkern wieder mitgestalten zu können, gerät Russland nun auch in eine selbst verschuldete Bedrängnis: Es muss sich zwischen der viel beschworenen slawischen Brüderschaft mit Serbien und einem gedeihlichen Verhältnis zum Westen entscheiden. Wird Moskau im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sein Veto einlegen - gegen eine Unabhängigkeitsregelung, wie UN-Vermittler Martti Ahtisaari sie vorschlägt?

Am liebsten bliebe der russischen Führung der Status quo, und sie bevorzugt deshalb die Taktik der Verzögerung. Aber als Strategie trägt das nicht weit. Der Westen wird auf eine Lösung des Kosovo-Problems drängen, und andere sogenannte eingefrorene Konflikte in den ehemaligen Sowjetrepubliken sind bereits angetaut.

Bisher verknüpft Russland das Streben der Kosovo-Albaner nach Unabhängigkeit mit dem gleich lautenden Wunsch mehrerer international nicht anerkannter Republiken: Abchasien und Südossetien auf dem Staatsgebiet Georgiens, und Transnistrien auf dem Staatsgebiet Moldawiens. Historische Unterschiede zum Kosovo werden dabei ignoriert.

Allen drei Republiken hat Moskau in den vergangenen 15 Jahren vielerlei Hilfe gewährt: verdeckt militärisch mit Söldnern oder Waffen, ökonomisch durch Vorzüge in Handel und Schmuggel – und politisch mit Berater-Einsatzkommandos und verbaler Rückendeckung. Abchasier und Südosseten erhalten problemlos russische Pässe, um die sich viele Migranten jahrelang vergeblich bemühen. Es war zu verlockend für Moskau, über den Hebel der abtrünnigen Republiken Einfluss auf die Politik Georgiens und Moldawiens zu nehmen. In Tschetschenien dagegen wurde das Streben nach Unabhängigkeit mit Artillerie und Menschenrechtsverletzungen bekämpft. Russland bezeugt damit seine tiefe Verbundenheit mit der Doppelmoral, die es sonst – und oft zu Recht – den Vereinigten Staaten anheftet.

In der Moskauer Arithmetik lautet die Gleichung: Wenn das Kosovo unabhängig werden darf, dann gilt dies auch für Abchasien, Südossetien und Transnistrien. Ganz ernst ist das aber nicht gemeint. Denn die drei Republiken würden sich am liebsten sogleich in die Russische Föderation eingliedern.