Das politische Testament des russischen Präsidenten Wladimir Putin haben sich Beobachter von der Massenpressekonferenz an diesem Donnerstag gut ein Jahr vor der Wahl seines Nachfolgers versprochen. Aber es war eher die sechste Ausgabe eines altbekannten Klassikers: Journalisten geben Stichwortfragen und Putin zeigt, wie eloquent er zu antworten vermag.

1.112 Journalisten, darunter knapp ein Viertel ausländische, kamen in den großen Saal des Kremls, um den russischen Präsidenten, wie es eine Nachrichtenagentur ausdrückte, "zu grillen". Doch Putin blieb kühl sitzen. Das jährliche Spektakel liegt der Presseabteilung des Kremls mehr als einzelne Interviews. Für die Journalisten gibt es im Pulk kaum eine Chance nachzuhaken, und nicht wenige russische Fragesteller liefern Wortvorlagen als landesweit ausgestrahltes Beispiel gelebter Selbstzensur.

Der erste staatliche Fernsehsender begann die Übertragung der Pressekonferenz um 12 Uhr anstelle der sonst üblichen Talkshow Lolita. Ohne Komplexe . Putin gab zu Anfang etwas unkonzentriert und holperig mit fast buchhalterischer Genauigkeit seine wirtschaftliche Erfolgsbilanz wider. Die Zahlen können sich tatsächlich sehen lassen mit einem Wachstum von knapp sieben Prozent im vergangenen Jahr und einer unter zehn Prozent gedrückten Inflationsrate.

Dann wählte der Pressechef des Kremls die Fragesteller aus. Viele der Journalisten schwenkten Zettel, auf denen ihre Heimatstadt geschrieben stand. Eine georgische Korrespondentin wedelte sogar mit ihrem Landesfähnchen, um auf sich aufmerksam zu machen. Es ging bunt her im Saal, und ebenso schillernd waren die Fragen.

Putin machte es sichtbar Spaß, wie beim Tennistraining jeden gegnerischen Aufschlag erfolgreich zurückzuschmettern. Er zeigt gerne, wie geschickt er mittlerweile die Abwehr unangenehmer Fragen beherrscht. Nutzt Russland seine Energie als politisches Erpressungsmittel wie gegenüber Weißrussland? - Aber nein, alles sei eine rein kommerzielle Angelegenheit. Gibt es Übergriffe des Staates gegen die Zivilgesellschaft? - Woher denn, der Staat sei zum Dialog mit den Nichtregierungsorganisationen bereit. Werden die Medien unterdrückt? - Aber nein, freie Medien brauche das Land im Kampf gegen die Korruption, und Russland werde die Journalisten schützen.

Dann flocht Putin noch eine gut kalkulierte Demutsgeste ein: "Ich lenke nicht, ich arbeite nur." Als Pausenhappen zwischen all der schweren Politik kam die Frage wie gerufen: "Was machen Sie, wenn Sie schlechte Laune haben?" Putin spricht dann mit seinem Hund, erfuhr die begeisterte Reporterschar.

Die scheinbar überraschende Antwort des Präsidenten auf die Frage, wann er seinen Nachfolger benenne, brachte zwar manche Nachrichtenagentur kurzzeitig in einen Rauschzustand: Es werde keinen von ihm bestimmten Nachfolger geben. Doch zugleich behielt er sich das Recht vor, in der Wahlkampfzeit zu sagen, welchem der Kandidaten er den Vorzug gebe. Was wohl auf dasselbe hinauskommt.

Ansonsten, verkündete der Präsident, verbesserten sich die Beziehungen zu den benachbarten Ex-Sowjetrepubliken ständig, blieben die Gaspreise in Russland niedrig und werde gegen die Korruption unnachgiebig vorgegangen. Darüber hinaus gebe es noch immer viel zu tun. Die Kameraregie zeigte am liebsten nickende oder beflügelt mitschreibende Fragesteller. Nichts wirklich Neues also, aber wieder mal gut präsentiert.

Putin stellt das innerhalb weniger Jahre zurückeroberte Selbstbewusstsein eines erstaunlich erfolgreichen Landes dar, das auf seiner eigenen Sichtweise der inneren und der Weltendinge besteht. "Die Stabilität des russischen Staates erlaubt es uns, darauf von oben herab zu schauen", sagte er zu internationalen Anfechtungen und klang kurzzeitig wenig vermittelnd.

Sonst trug er die russische Sondermeinung eher abwägend vor. Auf die Frage, ob er wie der Moskauer Bürgermeister Homosexuellen-Paraden als Satanistenwerk ansehe, betonte Putin nur, für ihn in seiner Funktion als Staatspräsident sei das demographische Problem Russlands mit seiner geringen Kinderzahl eines der größten. Viele andere Vertreter der politischen Elite hätten an seiner Stelle ihrem Abscheu freien Lauf gelassen.

Der Fragemarathon mag einmal mehr der Seele des Landes gut getan haben. Viele Menschen in Russland erfreuen sich noch immer am Modellstaatsmann Putin für schöne Pressekonferenzstunden, obwohl die Erinnerung an den erratischen oder angetrunkenen Vorgänger Boris Jelzin langsam verblasst. Ein souveräner Präsident steht vor dem Land und der Welt stundenlang Rede und Antwort, zeigt eine fundierte Problemanalyse und verblüfft mit einem erstaunlichen Zahlengedächtnis - "Putin. Ohne Komplexe". Kein anderer Staatsmann leistet das, wenn auch manche Frage abgesprochen scheint und Putins minutiöse Vorbereitung bekannt ist. Bei solcher Leistung spielt für viele auch die Kluft zwischen Wort und Tat kaum mehr eine Rolle.

Doch es hat Gründe, warum gerade Putin das leistet. Denn die Massenpressekonferenz und ihr volksnaher Ableger, eine jährlich landesweite Präsidentenbefragung durch russische Bürger, pflegen vor allem den Mythos des wohlmeinenden Kremlzaren, dessen Ohr man direkt suchen muss, da er von bösen Ratgebern und unfähigen Regierungsmitarbeitern umgeben und geplagt ist. Die Renovierung des Flughafens auf Sachalin im Fernen Osten, die ungerechten Hypothekenzinsen oder das Müttergeld - alles ist Sache des Chefs, und der spricht Worte wie Balsam. Da wollen viele in der Ansprache einer Journalistin aus Wladiwostok kaum eine Spur von Ironie entdecken: "Unvergleichlicher Wladimir Wladimirowitsch, Sie wissen und können alles."

Die russischen Fernsehnachrichten zeigen fast allabendlich, wie Putin die Regierung oder einzelne Minister zum Rapport empfängt. Gebeugten Hauptes sitzen die Minister vor ihm, antworten wie Schulbuben auf seine drängenden Fragen voller Lehrerbesorgnis und machen Notizen, wenn er sie rüffelt. Die öffentliche Kabinettsbeschimpfung hat nicht nur eine therapeutische Wirkung auf die Darbenden im Land, sondern vermittelt zugleich den Eindruck, direkten Anteil am politischen Geschehen zu geben. Mögen die wichtigen Beschlüsse auch mit anderen Protagonisten an anderen Orten fallen.

Genauso vermittelt die Massenpressekonferenz kaum die Ideen und Ziele des Machthabers in Russland. Es geht vielmehr um seine virtuelle Offenheit. In Erinnerung bleibt ein neuer Rekord: In drei Stunden und 32 Minuten hat Putin 69 Fragen beantwortet - sieben Minuten länger als im vergangenen Jahr. Die Zahlen zumindest stimmen.