Das Gerücht hat einen gewissen Reiz. Friedrich Merz, einstmals Fraktionsvorsitzender der Union und langjähriger Hoffnungsträger im Wartestand, plane die Gründung einer eigenen Partei, berichtete das Handelsblatt am Mittwoch. Merz hatte am Montagabend völlig überraschend seinen Rückzug aus dem Bundestag angekündigt. 2009 wolle er nicht erneut kandidieren, hatte Merz mitgeteilt. Er selbst hatte als Grund angegeben, dass er sich nach 20 Jahren in der Politik wieder ganz auf seine berufliche Tätigkeit konzentrieren wolle.

Wie das Handelsblatt weiter berichtet, soll Merz bereits mit "hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft darüber gesprochen haben, ob man 2009 mit einer eigenen Partei in den Wahlkampf ziehen solle. Auch über Fragen der Finanzierung sei bereits gesprochen worden. Aus Merz' Büro wurde das Gerücht heftigst dementiert. "Das ist grober Unfug", so die offizielle Stellungnahme.

In der Bild -Zeitung meldete sich nichtsdestotrotz am Donnerstag bereits ein erster Unterstützer der künftigen Partei zu Wort. Rentenexperte Meinhard Miegel sagte dem Blatt, er würde eine neue Partei begrüßen. "Ein bestimmtes freiheitliches Gedankengut hat heute keine politische Heimat. Die Konturen der CDU sind stark verwischt."

Für einen Wechsel in Frage komme auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Wolfgang Bosbach, mutmaßte Bild . Bosbach hatte nach Merz' Rückzugsankündigung ebenfalls Enttäuschung über die Politik der Großen Koalition geäußert. Im Gespräch mit ZEIT online wies er entsprechende Spekulationen jedoch weit von sich. "Meine politische Heimat ist die CDU seit 35 Jahren und sie wird auch meine politische Heimat bleiben. Ich stehe weder für eine andere Partei noch für eine neue politische Gruppierung zur Verfügung. Man lässt seine Familie nicht im Stich, auch wenn es manchmal zu Hause Ärger gibt", sagte Bosbach.

Als weiteres potenzielles Mitglied der Neugründung bringt die Bild -Zeitung den Parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion, Norbert Röttgen, ins Gespräch. Röttgen hatte im vergangenen Sommer erwogen, aus der Politik auszusteigen und in führende Funktion zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zu wechseln, später von diesen Plänen jedoch wieder Abstand genommen. Auch damals war vermutet worden, dass Frust über die Große Koalition und die CDU die Ursache für dieses Vorhaben gewesen seien.

Dass es tatsächlich Pläne für die Gründung oder Abspaltung einer wirtschaftsliberalen, konservativen Partei gibt oder gegeben hat, erscheint angesichts der Ängste vor allem des konservativen und wirtschaftsliberalen Flügels in der Partei ob des Profilverlusts der Union in der Großen Koalition nicht als unwahrscheinlich. Auf einigen klassischen Feldern hat die Union zudem auch unabhängig von der Zusammenarbeit mit der SPD in den vergangenen Monaten eine Kurskorrektur vorgenommen.

In der Ausländerpolitik etwa sucht Innenminister Wolfgang Schäuble mittlerweile den Dialog mit den Muslimen, ja bietet diesen an, sich zur gleichberechtigten Religionsgemeinschaft zu entwickeln. Der von Merz einst geprägte Begriff der Leitkultur gerät da ins Hintertreffen. In der Familienpolitik beschreitet Ministerin Ursula von der Leyen vorsichtig neue Wege, fördert die Berufstätigkeit von Müttern und das Ehegattensplitting zu einem Familiensplitting ausbauen. Und seit die Union im letzten Wahlkampf mit ihren radikalen Reformkonzepten Schiffbruch erlitten hat, wird auch das Soziale in der Partei wieder größer geschrieben.