Am 27. April 1972 hält die damalige Bundesrepublik den Atem an. Die Union will den sozial­liberalen Kanzler Willy Brandt stürzen und ihren Fraktionschef Rainer Barzel in einem konstruktiven Misstrauensvotum zum Nachfolger wählen lassen. Durch Überläufer aus SPD und FDP scheint ihr eine knappe Mehrheit sicher. Als Bundestags­präsident Kai-Uwe von Hassel um 13:22 Uhr das Ergebnis verliest, ist die Überraschung groß: nur 247 Stimmen für Barzel, zwei zu wenig.

Bis heute ist nicht endgültig geklärt, wer damals Brandts Kanzlerschaft rettete. Schon 1973 gab der CDU-Mann Julius Steiner zu, seine Stimme für 50.000 Mark an das DDR-Ministerium für Staatssicherheit verkauft zu haben. Der zweite Abgeordnete sei Leo Wagner gewesen, der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, vermutete die Bundesanwaltschaft im Jahr 2000. Wagner bestritt das. Seit vergangenem Oktober weiß man immerhin, dass er tatsächlich in den sogenannten Rosenholz-Unterlagen, der Personenkartei des DDR-Auslandsgeheimdienstes HVA, als "IM A" registriert war.

Doch das gilt für mehr als 40 der fast 500 damaligen Bundestagsabgeordneten. Eine Forschergruppe der Birthler-Behörde war schon 2004 auf diese Zahl gestoßen; aber noch bevor sie die Frage klären konnte, verfügte die Behördenleitung im Frühjahr 2005 plötzlich die Auflösung der Gruppe. Deshalb weiß man bis heute nicht viel mehr.

Nun sollte man meinen, der Bundestag würde sich brennend dafür interessieren, die histo­ri­sche Wahrheit – soweit irgend möglich – aufzuklären. Als die ZEIT im vergangenen Sommer über die verhinderte Aufklärung berichtete , regte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der Tat ein Gutachten an, das das Parlament bei der Birthler-Behörde oder anderen Historikern in Auftrag geben könnte. Doch als sich Hubertus Knabe, der Chef der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, vor ein paar Wochen erkundigte, was daraus geworden sei, bekam er eine über­raschende Antwort: Die Spitzen von Unions- und SPD-Fraktion blocken ab. Er halte weitere Untersuchungen für "problematisch", schrieb der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Union, Norbert Röttgen, in einem dreiseitigen Brief an Knabe. Für die SPD teilte sein Amtskollege Olaf Scholz knapp mit, diese Position "entspricht derjenigen meiner Fraktion".

Röttgen begründet die Ablehnung mit der Unsicherheit der Rosenholz-Unterlagen. Weil die Vermerke in den überlieferten Kopien der Karteikarten oft mehrdeutig sind und die zugehörigen Akten von der HVA in den Wendewirren 1989/90 vernichtet wurden, gleicht die Suche nach der historischen Wahrheit tatsächlich einem Detektivspiel. Aber die Rosenholz-Experten der Birthler-Behörde haben in der Vergangenheit verblüffend viel aus den lückenhaften und schwer leserlichen Daten-Fragmenten herauslesen können. Zum Beispiel, in welchen Bonner Ministerien oder Fraktionen die HVA wie viele Quellen hatte und dass die Stasi nur ein Prozent ihrer West-IM zur Zusammenarbeit erpressen musste; mehr als 60 Prozent dienten der Stasi aus Überzeugung, bei gut einem Viertel spielten finanzielle Motive eine Rolle.

Nach der öffentlichen Debatte des letzten Sommers gab die Birthler-Behörde Rosen­holz-Unterlagen zu fast 50 ehemaligen Bundestagsabgeordneten heraus. Ein großer Teil der als "IM A" registrierten Politiker war bis 1989 vermutlich nur abgeschöpft worden. Aber bei etwa einer Handvoll deutet einiges auf eine aktive Spitzeltätigkeit. Vergangene Woche berichtete die ZEIT zum Beispiel über Hinweise, dass der ehemalige SPD-Abgeordnete Arthur Killat (SPD) womögich über Jahrzehnte Informationen an die HV A lieferte .