Eine 53-jährige Mutter hat im österreichischen Linz ihre Kinder rund sieben Jahre lang von der Außenwelt abgeschottet. Die Frau verbarrikadierte sich mit ihren damals 6, 10 und 13 Jahre alten Töchtern. Sie lebten isoliert und in Dunkelheit. Den Schulbehörden erzählte die Frau, dass sie ihre Töchter selbst unterrichte. Dem Ex-Mann sagte sie bei Besuchen, die Kinder seien krank oder bei der Großmutter. Sie brach alle sozialen Kontakte ab und ließ das Haus verwahrlosen. Der Fall wird in Kürze vor Gericht verhandelt.

ZEIT online sprach mit Max Friedrich, Wiener Neuropsychiater für Kinder und Jugendliche, über bleibende Schäden und Heilungschancen der Linzer "Schattenkinder".

ZEIT online : Die Befreiung der Mädchen liegt schon ein Jahr zurück. Warum wurde der Fall erst jetzt ruchbar - und wie geht es den Töchtern?

Friedrich : Die Kinder sind seit einem Jahr in einem Therapieheim, die Mutter ist in Spezialhaft mit medizinischer Betreuung. Demnächst soll der Frau der Prozess gemacht werden. Das ist der Zeitung Österreich offenbar aufgefallen. An sich hatte die Sachwalterin der Kinder darum gebeten, die Sache zum Schutze der Kinder nicht in die Öffentlichkeit zu ziehen.

ZEIT online : In den österreichischen Medien wird den Kindern bereits ein sogenanntes "Kaspar-Hauser-Syndrom" attestiert.

Friedrich : Ich sehe das ein wenig anders. Kaspar Hauser lebte in der primären Phase isoliert. Diese ersten sechs Jahre sind aber ungemein wichtig für die Kommunikation und die Vertrauensbildung eines Menschen. Die Mädchen verfügten bereits über einen gewissen Basis-Sockel, als die Mutter sie einschloss. Und hier sehe ich auch ihre große Chance.