Angeblich 10.000 Stellen müssten bei Airbus gestrichen werden, hatte der französische Premierminister Dominique de Villepin am Dienstag gesagt und damit breites Entsetzen bei Arbeitnehmervertretern und der Politik ausgelöst. Zwar stand eine Zahl dieser Größenordnung schon länger im Raum – Gewerkschafter hatten ähnliche Einschätzungen von sich gegeben –, doch nun schien aus der Befürchtung Gewissheit geworden zu sein.

Ob dem so ist oder nicht: Darüber herrschte wenig später schon wieder Unklarheit. Die deutsche Seite des Unternehmens selbst bestätigte die Pläne jedenfalls nicht. "Da weiß er vielleicht mehr als ich", sagte der deutsche Co-Chef von EADS , Tom Enders, am Dienstag am Rande einer Veranstaltung in Hamburg zu Villepins Äußerungen. "Es sind noch keine Entscheidungen getroffen." Er sei zuversichtlich, dass in den kommenden Tagen gute Gespräche geführt würden. Viele Befürchtungen und "Horrorszenarien" seien überzogen. Die ursprünglich für Dienstag geplante Vorstellung des Sanierungsplans Power 8 war am Montag überraschend auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Hintergrund ist offenbar, dass die deutsche und die französische Seite sich hoffnungslos zerstritten haben.

Die Bundesregierung zeigte sich über den Vorstoß des französischen Premiers  ebenfalls irritiert. Vize-Regierungssprecher Thomas Steg wies die Angaben Villepins als Spekulation zurück. Es gebe keine abschließende Entscheidung, sagte er am Dienstag in Berlin. Deswegen beruhten alle den Stellenabbau betreffenden Berichte auf Mutmaßungen, an denen die Bundesregierung sich nicht beteiligen wolle. Steg wies zudem darauf hin, dass die Sanierung des Unternehmens den Managern überlassen bleiben solle. Eine Bemerkung, die man wohl durchaus als diplomatisch verpackte Kritik am Vorgehen der französischen Regierung lesen darf.

Das Thema soll nun auch die Regierungsspitzenbei einem Treffen zwischen dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und Kanzlerin Angela Merkel am Freitag beschäftigten. Dieses werde aber kein Airbus-Gipfel werden, warnte Steg vor übertriebenen Erwartungen. Unternehmerische Entscheidungen zu treffen, sei nicht Sache der Politik. Die Bundesregierung werde aber abermals deutlich machen, dass es bei den notwendigen Anpassungsprozessen eine gerechte Lastenverteilung zwischen den beteiligten Ländern geben müsse.

Offiziell wollte man am Dienstag auch im Wirtschaftsministerium den Vorstoß der französischen Regierung nicht kommentieren. Bekannt wurde allerdings, dass Bundeswirtschaftsminister Michael Glos am Mittwoch mit seinem britischen Kollegen, dem Handels- und Industrieminister Alistair Darling, in Berlin die Airbus-Frage diskutieren will.

Deutliche Worte über das Verhalten der französischen Seite in dem Streit um die Sanierung des angeschlagenen Luftfahrtkonzerns, bei dem in Deutschland rund 23.000 Menschen beschäftigt sind, fand dagegen der niedersächsische Chef der SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Jüttner. Niedersachsen wäre von einem Stellenabbau besonders betroffen. Die Werke in Varel und Nordenham stehen angeblich sogar ganz zur Disposition. Die Airbus-Muttergesellschaft EADS müsse den Sanierungsplan endlich fertigstellen, damit die unerträgliche Unsicherheit beendet werde, sagte Jüttner. Einen Stellenabbau in der von Villepin genannten Größenordnung nannte er "nicht angemessen". Er bezweifele, dass dies die richtige Antwort sei, um die Probleme von Airbus zu lösen. Der niedersächsische SPD-Chef Garrelt Duin hatte das EADS-Managment schon vor dem umstrittenen Interview als verantwortungslos bezeichnet. Die Führung des Konzerns sei offenbar überfordert.
 
Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Wend kündigten derweil an, Deutschland werde bei der Vertretung seiner Interessen in der Airbus-Frage "keinen Millimeter weichen". Die Franzosen betrieben eine "erkennbar
hemdsärmlige Industriepolitik zu ihren Gunsten". Aus deutscher Sicht müsse dafür gesorgt werden, dass es bei der Wertschöpfung keine Verschiebungen zu Lasten der deutschen Standorte gebe. Allerdings werde die deutsche Politik nicht betriebswirtschaftlich notwendige Veränderungen bei EADS ausbremsen. "Airbus muss auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sein. Dabei haben wir darauf zu achten, dass alles fair abläuft."