Auf manche Dinge käme man nicht im Traum, geschweige denn, wenn man eine Konservendose öffnet. Zum Beispiel, wenn es ums Übergewicht geht. Extrakilos sind schlicht eine Folge von zu vielen Kalorien und zu wenig Sport? Vergessen Sie's! Die weltweite Fettleibigkeitsepidemie ist mitnichten eine Frage von mangelnder Bewegung und üppiger Nahrungszufuhr. Sie ist eine Vergiftungserscheinung.

Das zumindest hat der amerikanische Neurobiologe Frederick vom Saal jetzt auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in San Francisco behauptet. Bestimmte Umweltgifte seien in der Lage, den Stoffwechsel eines Ungeborenen oder kleinen Babys neu zu programmieren, sagt vom Saal, und zwar tun sie das ihm zufolge auf der empfindlichsten Ebene des menschlichen Organismus: in seinem Erbgut. Die entsprechenden Gene würden zwar selbst nicht verändert, aber dauerhaft fehlgesteuert – derart, dass Diäten und Sportprogramme von der ersten Lebensminute an zum Scheitern verurteilt blieben. Der Mensch wäre chemisch schlicht aufs Dicksein gepolt.

Die Idee klingt so steil wie faszinierend. Die Kandidaten für diese folgenreiche Intoxikation indes sind keine Unbekannten: Vom Saal und seine Riege amerikanischer Kollegen zählten am Samstag unter anderem pflanzliche Verbindungen aus der Sojaindustrie, Phtalate und Organotine als Hauptverdächtige auf, allesamt Substanzen, die nachweislich wie körpereigene Hormone wirken können und durch menschliches Zutun munter in die Umwelt abgesetzt werden. Im Mittelpunkt einer künftigen Debatte um Umweltgifte und Übergewicht dürfte allerdings vom Saals persönlicher Schützling stehen: Bisphenyl A, kurz BPA.

Auch BPA ist ein so genannter endocrine disruptor , es kann aufgrund seiner chemischen Ähnlichkeit mit menschlichem Östrogen in unseren Hormonhaushalt eingreifen und ihn dadurch gehörig aus der Bahn werfen. Das besonders Prekäre an BPA ist nun aber seine Allgegenwärtigkeit: Als Ausgangsmaterial für die Produktion des verbreiteten Hartplastiks Polycarbonat findet man es in zahllosen Verpackungen und allzu häufig auch in solchen für Lebensmittel.

Die Innenseite von Büchsen werden mit Polycarbonat beschichtet, Mikrowellengeschirr daraus gefertigt, wiederverwendbare Wasserflaschen produziert – und besonders häufig steckt Polycarbonat noch immer in Babyflaschen, aus denen bei Zimmer- und erst recht bei Trinktemperatur auch die Ausgangssubstanz des Kunststoffs herausgelöst wird: BPA. Dass das nicht folgenlos bleibt, argwöhnen Forscher schon lange. In Tierexperimenten mit BPA traten Kopfdeformationen, Unfruchtbarkeit, Tumoren und andere unerfreuliche Nebenwirkungen auf – das alles in Konzentrationsbereichen der Chemikalie, denen auch der Mensch ausgesetzt ist.

Und in dieses Gruselkabinett körperlicher Folgen soll sich nun noch die globale Fettleibigkeit reihen? Die Wissenschaftler in San Francisco legten dazu beeindruckende Daten aus Tierversuchen vor. Bereits geringe Dosen der Hormon-Doppelgänger machen aus schlanken Mäusen demnach kleine Fettmonster – trotz normaler Kalorienzufuhr. Und warum auch nicht?