ZEIT online Am Wochenende gab es beunruhigende Bilder aus Leipzig. Stadionbesucher randalierten, warfen mit Rauchbomben und skandierten ausländerfeindliche Parolen. Drohen uns italienische Verhältnisse?
Gabriel: Nein, Leipzig war eine Ausnahme. Im großen und ganzen stellt sich die deutsche Fanszene anders als Italien dar. Stilbildend in den deutschen Stadien sind momentan die so genannten "Ultras". Das sind gut organisierte, kreative Fans, die aus Freude am Sport und ihrem Verein ins Stadion gehen. Natürlich gibt es immer Vereine, die sich diesem Trend verweigern. Zu denen zählt Lok Leipzig definitiv.

ZEIT online Wie erklären Sie sich solche "Ausnahmen"?
Gabriel: Lok hat eine spezielle Situation. Der Vorgängerverein, immerhin 1987 Europapokalfinalist, war insolvent. Da wurde wenig in Fanprojekte investiert. Der Verein wurde von Fans neu gegründet, da hat man andere Sorgen. Zudem hatten gewaltbereite Fans in diesem Verein schon zu DDR-Zeiten eine lange Tradition.

ZEIT online Die lange Zeit ignoriert worden ist ...
Gabriel: Man muss eines natürlich bedenken: In der sechsten Liga arbeiten alle ehrenamtlich. Wenige gewähren für mehrere hundert Menschen einen geregelten Sportbetrieb. Diesen gesellschaftlichen Wert darf man jetzt nicht unterschätzen oder ignorieren. Tatsächlich aber wurden hier über Jahre die Augen zugemacht. Die Gewaltbereitschaft von Teilen der Leipziger Fans ist offensichtlich. Es gibt auch klare Tendenzen ins rechte Lager hinein. Das Land Sachsen, der Verein und die Kommune haben hier viel zu lange verharmlost. Außerdem verhindert das Land, den dringend nötigen Ausbau des Fan-Projektes.

ZEIT online Was kann man gegen solche gewachsenen Strukturen unternehmen?
Gabriel: Wenn ich sehe, dass einmal mehr am Wochenende über 5.000 Leuten bei dem Spiel in Leipzig waren, unterstreicht das klar die gesellschaftliche Relevanz von Fußball. Die meisten Fans sind natürlich friedlich. Und genau dieses Potential wohlmeinender Fans muss geweckt werden, um die Stimmung wenden zu können. Das hat man doch auch bei der WM, speziell bei den Public Viewing-Veranstaltungen, gesehen: Je weltoffener und toleranter die allgemeine Stimmung ist, desto weniger entsteht Gewaltbereitschaft.

ZEIT online Ist Lok Leipzig wirklich ein "Einzelfall"? Immer wieder hört man doch schließlich, dass sich die Gewalt im Fußball von der Bundesliga in die unteren Liegen verlagert hat.
Gabriel: Ich zitiere bei dieser Frage gern den Leiter der Zenztralen Informationsstelle Sporteinsätze beim LKA. Deren Zahlen stützen die These von einer Gewaltverlagerung in die unteren Ligen nicht.

ZEIT online Was ist mit den klassischen Hooligans? Gibt es die überhaupt noch?
Gabriel: Hooligans sind in ihrer Zahl und in ihrer allgemeine Bedeutung für die Fanszene geringer geworden. Inzwischen organisieren die ihre Auseinandersetzungen räumlich weit ab vom Stadion entfernt. Deren "Wald- und Wiesenschlägereien" sind mittlerweile richtig gut und konspirativ geplant. Mich erinnern die Hooligans, von denen viele aus dem Kampfsport- und Türstehermilieu kommen, insofern immer ein bisschen an den Film "Fight Club". Auf den Stadienbetrieb haben sie jedenfalls wenig Auswirkungen.