Zwischen Abseits und Jenseits

Fußball ist Kult. Fans pilgern zu den Spielen, tragen die Vereinskutte und beten für den Sieg ihrer Mannschaft. Das Fan-Magazin von Schalke 04 heißt Unser Schalke und noch heute reden wir über das Wunder von Bern. Dass sich religiöse Semantik und Fußball keineswegs ausschließen, beweist bereits die Bezeichnung "Fan". Ursprünglich leitet sich "Fan" von "fanaticus" ab, was so viel bedeutet wie "religiös schwärmerisch, von der Gottheit ergriffen". Seit dem 18. Jahrhundert löst sich der Begriff zwar aus dem religiösen Kontext. Dennoch vergleichen Fußballfans ihre Begeisterung noch heute mit religiöser Hingabe. So ist es nicht verwunderlich, dass unser Volkssport Nummer eins zuweilen in den Bereich des Sakralen vorstößt. Wie spielen Ball und Kreuz zusammen? Pastor Hans Georg Ulrichs kombinierte 2006 Religion und Fußball während der WM

Aber was weiß man über die Gemeinsamkeit von Religion und Fußball? Um mit Blaise Pascal, dem Universalwissenschaftler des 17. Jahrhunderts, zu sprechen: Das (Fußball-) Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt. Tatsächlich können die meisten Fans für ihr Verhalten keine rationalen Gründe angeben. Die Begeisterung ist eben vorhanden. Oder sie ist es eben nicht. Gibt es auch im Fußball einen Sprung in den Glauben? Glaubt der Fan an die Mannschaft oder an den Sieg wie der Christ an den lieben Gott?

Pascals Antwort auf die Frage, wie man zum Glauben findet, lautet für die Religion: durch praktische Einübung. Praktische Einübung bedeutet Teilnahme an den Ritualen der Kirche - vom Weihwasser bis zur Hostie, von den Liedern bis zum gemeinsamen Gebet. Der Glaube ist eben nicht von Anfang an vorhanden. Religiöse Hingabe muss erst in der Gemeinschaft vorgelebt werden. Ähnlich verhält es sich im Fußball. Erst die Teilnahme an bestimmten Ritualen formt den Glauben. Gesungen wird in der Kirche wie im Stadion, strenge Vorschriften gibt es in der Liturgie wie in den Arenen.

Es geht also um Ritualisierung. Damit verbunden ist die Solidarität der Gemeinschaften. Der Glaube hat eine integrative Kraft, was sich im Fußball bereits rein äußerlich an der Kleiderordnung der Fans ablesen lässt. Trikots, Fahnen und Schals wirken identitätsstiftend, sie stärken den Zusammenhalt in der Fankurve. Der Glaube an die eigene Mannschaft hebt den Einzelnen über sich hinaus. Er lässt den Zuschauer an einer überpersönlichen Ordnung teilhaben, an einer Ordnung, die durch die Gruppe getragen und zuweilen als göttlich hypostasiert wird. Was in der Religion Gott, ist im Fußball der Verein - die Spieler werden zu seinen irdischen Vertretern.

Kollektive Teilnahme ist für die Ausbildung des Glaubens unverzichtbar. Die Gruppensolidarität bildet für den Soziologen Emile Durkheim sogar ein Wesensmerkmal der Religion. Überträgt man diese These auf den Sport, so erklärt sich dessen gegenwärtige Popularität. In unserer Kultur sind der integrativen Kraft der Religion Grenzen gesetzt, da diese zur Privatsache erklärt wird. So unverzichtbar Religionsfreiheit und Toleranz auch für ein friedliches Zusammenleben sein mögen - sie erschweren eine einheitliche Sinnstiftung. Unsere moderne Gesellschaft lässt diese Einheit ohnehin vermissen. Die Spezialisierung in Fächer und Berufe, die Zerklüftung in parteipolitische und konfessionelle Lager weckt ein Bedürfnis nach Integration, das unter anderem durch den Fußball befriedigt wird. Schichtzugehörigkeit, Konfession oder Einkommensverhältnisse spielen hier keine Rolle. Im Stadion sind alle gleich. Der Fußball ist durch seine integrative Kraft für viele zu einer Ersatzreligion geworden.

Religion erschöpft sich allerdings nicht in Gruppensolidarität und Ritualisierung. Sie definiert sich vielmehr als gemeinsame Verpflichtung gegenüber einer höheren Ordnung. Weshalb aber wird eine bestimmte Ordnung als heilig empfunden? Die Beantwortung dieser Frage führt uns zu einem weiteren Wesensmerkmal der Religion. Sie bezieht sich auf Bereiche, die sich dem menschlichen Zugriff prinzipiell entziehen, die sich weder unter Kontrolle bringen noch planen lassen. Schicksalhafte, unvorhergesehene und unabänderliche Ereignisse, Lebenskrisen, Krankheit und Tod sollen durch Ritualisierung "bewältigt" werden. Der Soziologe Niklas Luhmann begründet die Funktion der Religion in der Bestimmung des Unbestimmbaren.

Auch im Fußball gibt es einen Bereich des Unbestimmbaren. Selbst wenn der Favorit eindeutig feststeht, kann das Spiel anders enden als erwartet. Eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst den Spielverlauf, nicht zuletzt die Unterstützung der Zuschauer, die sich häufig abergläubischer Praktiken bedienen. Ein Fetisch oder ein Maskottchen sollen zum Sieg verhelfen, Fahnen und Transparente die Moral der Truppe stärken. Gelegentlich wird auch gebetet, vor allem angesichts einer drohenden Niederlage. Mannschaften aus Südeuropa und Lateinamerika bekreuzigen sich, bevor sie den Platz betreten. In all diesen Fällen wird eine höhere Macht angerufen, eine Macht, von der man glaubt, dass sie über den Spielverlauf entscheidet, weshalb sie durch die zuvor beschriebenen Riten und Gesten günstig gestimmt werden soll. Kopiert der Fußball die Religion?

Zwischen Abseits und Jenseits

Beim genauen Hinschauen wird klar: Das Verhalten der Akteure erinnert eher an ein magisches Ritual. Während die Religion eine bestimmte Haltung verkörpert, definiert sich die Magie durch den Wunsch, ein bevorstehendes Ereignis durch Gebete oder Rituale herbeizuführen. Magisches Denken ist Wunschdenken, das sich in Form von Zauber und Beschwörung artikuliert. Dabei ist es stets auf konkrete Zwecke gerichtet: Man will eine Person heilen, drohende Gefahr abwenden oder einem Feind Schaden zufügen. "Die Funktion der Magie ist", so der Anthropologe Bronislaw Malinowski, "den Optimismus des Menschen zu ritualisieren, seinen Glauben an den Sieg der Hoffnung über die Angst zu stärken." Besonders im Fußball lassen sich Relikte dieser Weltsicht beobachten.

Die Ungewissheit des Spielverlaufs ermöglicht aber auch modernere Verfahren der Unsicherheitsbewältigung: Statistische Berechnungen. Dabei wird untersucht, wie oft, wo und wann die gegnerischen Mannschaften bereits aufeinandergestoßen sind und wie das Ergebnis jeweils ausfiel. Ein sogenannter psychologischer Vorteil ergibt sich dann für die Mannschaft, die rein statistisch betrachtet mehr Siege eingefahren hat.

Dass sich die Grundlagen dieser Berechnungen häufig über Jahrzehnte erstrecken, dass mittlerweile ganz andere Akteure auf dem Platz stehen, wird allenfalls beiläufig erwähnt. Gemeinsames Merkmal ist nicht das Team, sondern der Verein oder das Land, für das die aktuelle Mannschaft spielt. Der Aussagewert solcher Statistiken ist also begrenzt, da stets von den einzelnen Spielern abstrahiert wird. Warum greift man dann überhaupt auf solche Berechnungen zurück? Die Antwort lautet auch hier: Weil sich Zuschauer nicht mit der Unvorhersehbarkeit des Spielverlaufs abfinden können.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es also zwischen Fußball und Religion? Beide sind soziale Institutionen mit ritualisierten Handlungselementen, beide werden durch eine solidarische Glaubensgemeinschaft getragen. Ferner definieren sich beide durch einen überpersönlichen Bezug, zu einem Gott oder einer Mannschaft.

Dennoch darf die religiöse Semantik nicht über zentrale Unterschiede hinwegtäuschen. Im Fußball ist das Verhalten der Akteure auf den Sieg der eigenen Mannschaft ausgerichtet. Zwar verhält man sich auch hier zu einem Bereich des Unbestimmbaren, doch erinnert dieses Verhalten eher an ein magisches Ritual als an religiöse Hingabe. Fußball bedeutet Wettstreit. In der Religion gibt es dagegen keine Gewinner oder Verlierer. Mögen sich die Angehörigen verschiedener Konfessionen noch so bekämpfen - den Kern der Religion bildet der gemeinsame Glaube an eine höhere Ordnung, ein Glaube, der Trost und Vertrauen schenken soll.

Auch wenn viele Fans von sich behaupten werden, Fußball sei ihr einziger Lebensinhalt, so wird man kaum erwarten dürfen, dass dieser Sport über private Probleme hinweghilft. Existenzielle Fragen werden nicht im Stadion beantwortet. Niemand tröstet sich mit einem Fußballspiel, wenn er von einer Sinnkrise oder einem Todesfall betroffen ist - auch dann nicht, wenn seine Mannschaft ausnahmsweise einmal gewinnt.

Die Rede von einem Fußball-Gott ist insofern irreführend. Fußball eignet sich nicht als Religionsersatz. Wer hier an Heilsversprechen glaubt oder Erlösung sucht, wird zumindest langfristig enttäuscht werden. Die Akteure auf dem Platz sind endlich, ihre fußballerischen Fähigkeiten begrenzt. Auch einer herausragenden Mannschaft kann es passieren, dass sie einmal mit 4:0 vom Platz gefegt wird. Häufen sich die Niederlagen, so wird der vermeintliche Gott früher oder später eine Glaubenskrise auslösen. Um der metaphysischen Enttäuschung vorzubeugen, empfiehlt es sich daher, seine Helden nicht maßlos zu vergöttern.

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