Kaum ein Tag vergeht in diesen Wochen, an dem Familienministerin Ursula von der Leyen nicht mit einem neuen Vorstoß in Sachen frühkindlicher Bildung auf sich aufmerksam macht. Ihre neueste Idee ist allerdings schon ein paar Monate alt. Bereits im Frühjahr 2006 plädierte sie für ein verpflichtendes Vorschuljahr - und stieß auf breite Ablehnung bei ihren Länderkollegen.

Fast alle Bundesländer sahen damals keinen "Handlungsbedarf" für eine Kindergartenpflicht im Jahr vor der Einschulung. Ihre Einrichtungen seien bis zu 97 Prozent ausgelastet, hieß es. Und es stimmt, die Betreuungsquote liegt fast überall in Deutschland bei über 90 Prozent. Von den Migrantenfamilien schicken im Durchschnitt etwas mehr als 80 Prozent ihre Kinder in den Kindergarten. Genau diese sind aber nun die Zielgruppe der Familienministerin. Mit dem verpflichtenden Vorschuljahr möchte sie vor allem Kindern aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Schichten einen besseren Start in die Schule ermöglichen.

Dass die Kostenfreiheit die fehlenden Kinder tatsächlich in die Kindergärten locken kann, macht das Saarland seit sechseinhalb Jahren vor: Dort gibt es kaum noch ein Kind, das in jenem letzten Kindergartenjahr zu Hause bleibt. Überzeugend wird dieses Modell aber nicht durch die hundertprozentige Betreuungsquote, sondern durch seine inhaltliche Konsequenz: Neben dem Rahmenprogramm für die frühkindliche Bildung gibt es im Saarland ein konkretes Vorschulprogramm, in das beispielsweise zwei aufeinander aufbauende Sprachförderprogramme integriert sind. Das wirklich Besondere daran: Das Programm "Früh Deutsch lernen" lässt die Kinder nicht mit Beginn der Schulzeit wieder allein mit ihren Problemen, sondern begleitet sie noch ein halbes Jahr in die erste Klasse hinein.

Zehn Stunden pro Woche haben Kinder mit sprachlichen Defiziten Förderunterricht bei speziell ausgebildeten Erziehern oder Lehrern. Das sind zwei Stunden jeden Tag. Ein straffes Pensum, das sich ohne zusätzliches Personal und hohe Disziplin nicht durchhalten lässt. 90 Prozent aller Kinder aus diesen Gruppen werden später erfolgreich eingeschult. Ähnliche Ergebnisse liefert Niedersachsen, wo die Rückstellungen von der ersten Klasse gerade unter Migrantenkindern erheblich zurückgegangen sind, seitdem es flächendeckende Sprachtests im Jahr vor der Einschulung gibt.

Es spricht also kaum etwas gegen den Vorstoß von der Leyens. Im Gegenteil: Die Hoffnung ist berechtigt, dass der Kindergarten das Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn legen kann. Allerdings kann ein Pflichtjahr im Kindergarten nur dann gut für die Schule sein, wenn es nicht nur an Zahlen gemessen wird, sondern an seiner Qualität. Ein solches "Brückenjahr" wird nur funktionieren, wenn Kindergärten und Schulen viel enger als bisher zusammenarbeiten. Wenn Lehrer endlich ihren Thron verlassen und mit Erzieherinnen und Erziehern ins Gespräch kommen über Anforderungen und Ansprüche, die sie an einen Erstklässler haben.

Ein solches Jahr wird die Kinder auch nur dann stärken, wenn es verbindliche Curricula für die Vorschularbeit gibt und wenn die Erzieher ausgebildete Fachkräfte auf diesem Gebiet sind. All das bedeutet aber, in Fortbildungen zu investieren oder gar neue Stellen zu schaffen, um die Vorschulkinder zumindest stundenweise aus den altersgemischten Gruppen herausnehmen zu können. Es müsste uns also wesentlich mehr Geld wert sein, als nur die Beitragsfreiheit abzusichern.