Joschka Fischer hat in seinem Leben schon viele schwierige Auftritte zu bewältigen gehabt. Seiner abermaligen Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuss konnte er am Montagabend dagegen recht gelassen entgegensehen. Im Fall Murat Kurnaz steht der einstige grüne Spitzenpolitiker und deutsche Außenminister a.D. nämlich weitgehend unbescholten da.

Während die Opposition dem gegenwärtigen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier nachzuweisen versucht, er habe sich als Kanzleramtsminister zu wenig für das Schicksal des vier Jahre lang im amerikanischen Lager Guantánamo inhaftierten Bremer Türken Murat Kurnaz interessiert, gilt für Fischer das Gegenteil als erwiesen. Nachweislich bemühte sich das Auswärtige Amt immer wieder, bei den Amerikanern Informationen über Kurnaz einzuholen. Fischer selbst sprach den Fall sogar am 19. November 2003 bei einem Treffen mit dem ehemaligen US-Außenminister Colin Powell an. Ohne Erfolg zwar, am prinzipiell vorhandenen guten Willen zweifelt aber selbst die Opposition nicht.

Vor diesem Hintergrund hätte man meinen können, Fischer, der sich aller politischen Loyalitätszwänge längst entledigt hat, würde seinen Auftritt zu einer kleinen Abrechnung mit den ehemaligen Kollegen nutzen oder sich doch zumindest im Licht der eigenen Wohltaten sonnen. Das Gegenteil aber war der Fall. Auch wenn es Fischer sichtlich nicht unrecht war, vor größerem Publikum noch mal seine Verdienste schildern zu können, so wehrte er sich doch gegen den in der Öffentlichkeit entstandenen Eindruck, in der Affäre Kurnaz sei die alte Regierung in zwei Lager zerfallen - wobei er und sein Amt für "die Guten", Steinmeier und Ex-Innenminister Otto Schily aber für die Bösen stünden. Dies sei nicht richtig, betonte Fischer.

Vielmehr nutzte er seine Aussage zu einem Generalangriff auf Union und FDP. "Was hätten sie im Visa-Untersuchungsausschuss mit mir gemacht, wenn ich einem Mann wie Kurnaz bei ähnlichen Sicherheitsbedenken eine Einreiseerlaubnis erteilt hätte?", wollte er wissen und beantwortete die Frage gleich selbst: "Sie hätten mir einen politischen Strick daraus gedreht, an dem sie mich aufgehängt hätten." Weil sich mittlerweile – zumindest was Kurnaz angehe – die Stimmung im Land gedreht habe, versuche man stattdessen seinen Nachfolger mit dem gegenteiligen Argument, nämlich dass er Sicherheitsbedenken zu ernst genommen habe, aus dem Amt zu treiben. Doch dazu wolle er keinesfalls die Hand reichen, machte Fischer deutlich. Steinmeier zu unterstellen, er habe sich hartherzig verhalten, sei sachlich falsch und politisch infam.

Auch ihm selbst sei es nicht in erster Linie um eine Rückkehr von Kurnaz nach Deutschland gegangen, sondern um dessen Freilassung - möglicherweise in die Türkei - oder zumindest um die Gewährung eines rechtstaatlichen Verfahrens. Ein in den Medien kolportiertes Zitat, er sei mit seinem Bemühen um eine Freilassung von Kurnaz bei Steinmeier nicht durchgedrungen, wies Fischer zurück. An eine Konfrontation mit seinem Nachfolger in dieser Frage könne er sich nicht erinnern, betonte er vielmehr.

Nicht erhellen konnte Fischer allerdings, warum weder er selbst noch niederrangige, aber mit dem Fall Kurnaz befasste Beamte seines Hauses oder die damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Kerstin Müller, darüber informiert waren, dass BND-Beamte Kurnaz in Guantánamo befragt hatten. Auch dass die sogenannten Präsidentenlage am 29. Oktober zu der Auffassung kam, dass eine Wiedereinreise von Kurnaz nach Deutschland nicht erwünscht sei, drang nicht bis zu Fischer durch. Noch immer ist unklar, wer als Vertreter des Auswärtigen Amtes an dieser Sitzung teilgenommen hat und warum der Betreffende seine Kenntnisse nicht an den Minister weitergab, obwohl dieser sich doch sogar persönlich bei der amerikanischen Seite für Kurnaz einsetzte.