Gerede kann manchmal schlimme Folgen haben. Zum Beispiel, wenn es Verfassungsschützern zu Ohren kommt, die darauf einen Terrorismusverdacht aufbauen. So erging es jedenfalls dem Bremer Türken Murat Kurnaz, der Ende 2001 in Pakistan festgenommen wurde und anschließend fünf Jahre in US-Gefangenschaft, größtenteils in Guantánamo, zubringen musste. Vom Hörensagen erfuhr das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Bremen 2002 Dinge, die den Verdacht stützten, Kurnaz könne ein gewaltbereiter Islamist sein, der sich 2001 "nicht nur zum Beten" nach Pakistan aufgemacht habe – so der Direktor des LfV, Walter Wilhelm, am Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss. Diese Informationen wurden an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergegeben, dessen Einschätzung wiederum Einfluss auf die Entscheidung von Mitgliedern der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung hatte, sich gegen eine Rückkehr von Kurnaz nach Deutschland auszusprechen.

Doch was lag gegen Kurnaz genau vor? Bekannt war dem Bremer Verfassungsschutz, dass Kurnaz sich in islamistischen Kreisen bewegte. Seine eigene Mutter hatte den Verdacht geäußert, ihr Sohn sei in diesem Umfeld negativ beeinflusst worden. In Zusammenhang mit seiner plötzlichen Abreise aus Deutschland im Herbst 2001 – kurz nach den Anschlägen vom 11. September – fürchtete sie offenbar, er könne Schlimmes im Schilde führen. Es gab Menschen in seinem Umfeld, die aussagten, Kurnaz habe die Anschläge von New York gutgeheißen und es gab eine Quelle, die dem Bremer Verfassungsschutz berichtete, Kurnaz habe sich nach seiner Abreise telefonisch bei einem Prediger seiner Bremer Moschee gemeldet und diesem gesagt, sein Einsatz in Afghanistan stehe unmittelbar bevor.

Auf diese und ähnliche Indizien stützten die Bremer 2002 ihren Verdacht, dass Kurnaz ein Sicherheitsrisiko darstelle und den sie 2005 nochmals bekräftigten. Ähnlich urteilte das Bundesamt für Verfassungsschutz. Nun ist sicherlich festzustellen, dass Indizien wie diese nicht geringgeachtet werden dürfen. Die Geheimdienstler stehen zudem vor dem Problem, dass sie ihre Quellen schützen müssen und deren Seriosität deswegen öffentlich nur behaupten, nicht aber beweisen können. Auch die Tatsache, dass in einem Strafverfahren, das die Bremer Staatsanwaltschaft später gegen Kurnaz führte und mangels Tatverdacht einstellte, entsprechende Hinweise nicht gerichtfest bewiesen werden konnten, bedeutet selbstverständlich nicht, dass sie ganz aus der Luft gegriffen sind, wie der SPD-Obmann im Ausschuss, Thomas Oppermann, in seinem Bemühen die Ex-Regierung zu verteidigen, nicht müde wurde zu betonen. Der Verdacht, Kurnaz habe in Afghanistan kämpfen wollen, sei bis heute nicht widerlegt, allerdings auch nicht bewiesen, betonte denn auch Bundesverfassungsschutzpräsident Heinz Fromm.

Trotzdem muss sich der Verfassungsschutz eine Reihe von Anfragen an seine Arbeit gefallen lassen. Da ist zum einen das ominöse Telefonat mit dem Prediger, das Kurnaz so schwer belastete. Die Kenntnis darüber aber stützt sich eben, wie die Opposition bemängelt, auf reines Hörensagen. Es gibt keinen Mitschnitt davon, obwohl zwei Telefone des Predigers in jener Zeit abgehört wurden. Das Telefonat könne ja auch auf einem weiteren, nicht observierten Telefon geführt worden sein, verteidigte sich Wilhelm vor dem Ausschuss, doch beweisen kann er das eben nicht.

Und dann ist da die Tatsache, dass der Bremer Verfassungsschutz im Dezember 2005, als er erneut gebeten wurde, seine Erkenntnisse über Kurnaz zusammenzufassen, einfach seine Informationen von 2002 nochmals übermittelte, ohne diese zu aktualisieren. Dabei waren längst Beamte des BND und des Bundesverfassungsschutzes in Guantánamo gewesen, um Kurnaz zu verhören. Zumindest die BND-Beamten kamen dabei in Übereinstimmung mit ihren amerikanischen Kollegen zu der Einschätzung, Kurnaz stelle kein Sicherheitsrisiko dar. Die Bremer ignorierten bei ihrer Stellungnahme 2005 die Ergebnisse dieser Befragung jedoch ebenso wie die Tatsache, dass Kurnaz in der Zwischenzeit von einem amerikanischen Gericht entlastet worden war. Dies erweckt zumindest den Eindruck, dass man zwar bürokratisch korrekt, aber nicht eben engagiert vorging.

Dass der Verfassungsschutz in seinen Einschätzungen alles andere als unfehlbar ist, machte zudem der Bremer Direktor Wilhelm selbst deutlich. Heute halte er Kurnaz nicht mehr für einen Terroristen sondern lediglich für einen Islamisten, sagte er. Und er ging noch einen Schritt weiter. Zumindest im Nachhinein, sagte er, gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass Kurnaz zum Kämpfen nach Pakistan aufgebrochen sei.