Die Öffentlichkeit hat sich daran gewöhnt, dass die CSU einmal im Jahr die Sau rauslässt. Passau verpflichtet. Islamische Hassprediger, Asylbetrüger, rote Schreibtischtäter und grüne Heulsusen - alle bekommen ihr Fett weg, und die Basis grölt. Aschermittwoch ist halt Stammtisch, sagen die CSU-Granden, da muss der "Verein für deutliche Aussprache" sein rechtes Klientel bedienen.

Deutschland wäre eine andere Republik, wenn die CSU all das, was sie in Passau fordert und verkündet, in praktische Politik umsetzten würde. Aber Gott sei Dank ist da der politische Alltag vor. Ist halt nur a Gaudi.

Doch wie die CSU in diesem Jahr mit Gabriele Pauli umgegangen ist , das war widerlich, frauenverachtend und einer demokratischen Partei nicht würdig. Pfiffe schön und gut. Auch Buh-Rufe müssen in Volksparteien erlaubt sein. Selbst Protest-Plakate gehören zur innerparteilichen Auseinandersetzung. Hass jedoch nicht. Und es war der blanke Hass, der der Stoiber-Kritikerin in der Passauer Dreiländerhalle von einem überwiegend männlichen Publikum entgegenschlug - nicht von einzelnen, sondern von einer Mehrheit der Besucher. Als "alte Hexe", wurde sie beschimpft, als "primitiv" und "irre", als "Schlampe", "Hure" und "blöde Sau". Andere Bemerkungen waren so sexistisch, dass sich ihre Wiedergabe an dieser Stelle verbietet. Es hätte nicht viel gefehlt, der geifernde Mob wäre handgreiflich geworden.

Vielleicht muss man sich nicht wundern, angesichts einer Stoiber-Rede, die wie immer auf Stimmungsmache setzte, auf die Ausgrenzung von Minderheiten und Andersgläubigen sowie auf die plumpe Beschimpfung politischer Gegner. Aber immerhin handelt es sich bei Gabriele Pauli um ein Vorstandsmitglied jener Partei, die zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte, und um eine mit absoluter Mehrheit gewählte bayerische Landrätin.

Natürlich hat Pauli die Krise der CSU genutzt, um sich selbst zu inszenieren; das hätten andere auch gerne getan. Und natürlich genießt sie ihr Rebellinnen-Image. Aber sie war vielleicht der Katalysator der Krise, jedoch weder deren Auslöser noch deren Ursache. Pauli hat sich nur das selbstverständliche Recht genommen, das auszusprechen, was viele in der CSU zuletzt über Stoiber gedacht haben. Die meisten trauten sich jedoch nicht, dies öffentlich zu sagen, weil sie zu allererst an ihre politische Karriere dachten. Die Fürtherin gehörte somit gerade nicht zu jenen "anonymen Präsidiumsmitgliedern", über die sich Stoiber in Passau so bitter beklagte.