"Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?" Henning Voscherau ist fassungslos. Der frühere Bürgermeister, der fast ein Jahrzehnt lang die Hansestadt regiert hat, nennt den Machtkampf, der in seiner Partei momentan tobt, eine "Katastrophe" und einen "Akt der Selbstzerstörung". "Wenn die SPD so weiter macht, bleibt sie noch Jahre in der Opposition."

Voscheraus Zorn ist verständlich. Denn die einst so stolze Hamburger SPD, die seit Kriegsende fast ununterbrochen regiert hatte, bis sie 2001 von der CDU abgelöst wurde, ist gerade dabei, sich selber zu zerlegen. Und sich damit um alle Chancen bei der Bürgerschaftswahl im kommenden Frühjahr zu bringen.

In ihrer Not suchen die Hamburger Genossen einen Spitzenkandidaten - und nutzen diese Gelegenheit, um gnadenlos und öffentlich mit sich selbst zu streiten. Zur Auswahl stehen: Der Landesvorsitzende Mathias Petersen, ein Quereinsteiger, der es sich mit seinem Parteiapparat verscherzt hat. Herausforderin ist Dorothee Stapelfeld, langjährige Funktionärin und Petersens Stellvertreterin.

Zur Klärung der Kandidatenfrage finden in den Parteibezirken momentan so genannte "Kandidaten-Hearings" statt. Sie sollen den beiden Bewerbern die Gelegenheit bieten, sich vorzustellen und für sich zu werben. Am kommenden Sonntag sind dann die 11.500 Parteimitglieder aufgerufen, ihren Favoriten zu küren.

Mehrere Konflikte haben sich in der Partei in den vergangenen Jahren aufgestaut und finden nun ihr Ventil. Unmittelbarer Auslöser des bizarren Kandidaten-Duells war vor wenigen Wochen ein Misstrauensvotum des Landesvorstands gegen Petersen. Per Beschluss hatten 13 von 23 Vorstandsmitgliedern in einer Nachtsitzung ihrem Landesvorsitzenden die Gefolgschaft aufgekündigt und einen "erheblichen Vertrauensverlust" konstatiert.

Die Vorwürfe: Unfähigkeit und Führungsschwäche. Die Hintergründe: Im Oktober 2006 hatte Petersen gefordert, Namen und Adressen von Sexualstraftätern im Internet zu veröffentlichen. Der so einsame wie populistische Vorstoß empörte viele in der Partei, nicht nur im linken Flügel, aus dem Petersen selber stammt. Viele halten ihn zudem für verfassungswidrig.

Auch personalpolitisch bewies Petersen wenig Gespür. Mit der Entlassung seines Landesgeschäftsführers, einem einflussreichen Bezirkschef, brachte er selbst wohlmeinende Genossen gegen sich auf. Außerdem wird ihm angekreidet, die Wahlkampagne nicht vorbereitet zu haben.