Der Mann zitiert aus der Bibel und manchmal wiegt er sein Haupt so nachdenklich wie der Weihnachtsmann. Er könnte ohne Probleme den Leihopa spielen, doch Produzent Grigorij Ljubomirow hat ihm eine andere Rolle zugedacht: die des russischen Diktators Josef Stalin. Unter dem Titel Stalin.Live startete auf dem russischen Fernsehsender NTW eine Serialiti über ihn, eine Kreuzung aus Reality Show und Seifenoper, wie Ljubomirow selbst sagt.

Man schaltet ein und reibt sich die Augen - so einen Stalin hat die Welt noch nicht gesehen. Auf dem Bildschirm erscheint kein tobender Tyrann, sondern ein introvertierter Intellektueller. Äußerlich über-entspricht er dem historischen Vorbild. Der georgische Schauspieler David Giorgobiani wirkt in seiner Stalin-Rolle, als sei er gerade einem Mausoleum entsprungen oder zumindest dem Kabinett von Madame Tussaud. Über seinem Wachsgesicht kleben dicke Augenbrauen, unter dem Schnauzbart nuschelt er lange innere Monologe. Dabei wurde er bekannt mit einem der bahnbrechenden Stalin-Filme aus der Perestrojka-Zeit. In Die Reue , einer Parabel auf den Stalinschen Terror, spielte Giorgobiana einst ein Opfer Stalins.

In den 40 Folgen der Serie Stalin.Live nun, die alle 1953, im Todesjahr Stalins, spielen, erinnert sich der Diktator an zentrale Stationen seiner Biografie. Reumütig. Schattenseiten der Stalin-Ära werden höchstens zurückhaltend in Szene gesetzt: Ein Junge darf nicht mehr zu den Pionieren, weil sein Vater sich beim Regime unbeliebt gemacht hat; Ärzte wagen es nicht, hohen Tieren schlechte Diagnosen zu stellen. Die Serie ist eine langatmige Seifenoper mit melancholischer Musik, deren dramaturgischer Bogen gnadenlos überspannt wird. In den russischen Medien stößt die Serie auf wenig Gegenliebe. Vernichtende Kritik übt etwa die Nowaja Gaseta : Man habe den Diktator "flaumig" in Szene gesetzt, die Serie käme über puren Voyeurismus nicht hinaus. Und tatsächlich kennt sich Ljubomirow damit aus, allzu neugierig in anderer Leute Leben zu schauen. Er konzipierte auch die NTW-Serie Rubljowka Live über das Leben reicher Russen auf der legendären Moskauer Chaussee und produzierte die Reality-Show Hinter Glas , die russische Antwort auf Big Brother .

In Stalin.Live nun inszeniert Ljubomirow Josef Dschugaschwili als tragischen Helden. Fragt man ihn nach seinem eigenen Bild des Diktators, hört man Sätze wie: "Stalin ist nicht nur Henker, er ist Henker und Opfer - der Epoche und der Umstände." Oder: "In der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gab es keine ruhmreichere Periode als das stalinistische Imperium." Wissenschaftler sind entsetzt: "Das grundlegende Merkmal der Serie ist die Fälschung: in künstlerischer, historischer, psychologischer und vor allem politischer Hinsicht", meint etwa der Historiker Boris Ilizarow. "Diese Serie ist eine Lüge, zu 100 Prozent Mythologie, zu 100 Prozent Ideologie", sagt Jurij Samodurow, der Direktor des Moskauer Sacharow-Zentrums. " Stalin.Live hat nichts mit der historischen Wahrheit zu tun", betont auch das ehemalige Duma-Mitglied Anatolij Schabad, heute Physiker und Mathematiker an der Akademie der Wissenschaften. "Stalin bekreuzigt sich in der Serie, dabei hat er während des Krieges nur mit den Kirchen kollaboriert, um sie auf seine Seite zu ziehen. Den Zuschauern wird nahe gelegt, Stalin als positive Figur zu sehen", sagt Schabad. Eine Haltung, die noch im heutigen Russland verbreitet sei: "Stalin wird mit einem starken Staat assoziiert und die Menschen suchen Halt in der Vergangenheit."

Ljubomirow wehrt sich vehement gegen solche Vorwürfe. In der Serie würden "Fakten verarbeitet", die er in Archiven und bei Zeitgenossen Stalins gefunden habe. "Manche Elemente sind fiktiv, aber darin sehe ich meine künstlerische Freiheit." Wenn Kritiker ihm unterstellen, Stalin im Auftrag des Staates zum Star einer Seifenoper gemacht zu haben, betont er: "Das Geld kam von NTW."

Stalin.Live startete mit einer hohen Einschaltquote von 19 Prozent, die ist aber nach nur drei Folgen deutlich gesunken. "Nach Stalin.Live wird es unter anderem auch Serien über Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow geben", hat Ljubomirow dennoch angekündigt. Ursprünglich habe er NTW auch eine Serie über den Menschenrechtler und Nobelpreisträger Andrej Sacharow vorgeschlagen. Doch der Sender habe Stalin den Vorzug gegeben - die Quoten-Aussicht war günstiger.

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