Pressekonferenzen hat Jan Ullrich noch nie leiden können. Auch in seinen besten Zeiten erinnerte der sommersprossige Radfahrer auf Pressepodien - meist stockend vom Papier ablesend und eingerahmt von seinen wechselnden Betreuern - eher an einen verschüchterten Nachwuchssportler denn an einen Weltstar. Während sein langjähriger Rivale Lance Armstrong Kameras und Mikrofone zur professionellen Selbstinszenierung nutzte, gab sich Ullrich während öffentlicher Auftritte stets zurückhaltend und unprätentiös.

Während seiner finalen Presseerklärung ist das zunächst nicht anders. Dabei hat Ullrich sich für heute viel vorgenommen. Im Ballsaal des schicken Hamburger Intercontinental-Hotels will er seinen Rücktritt vom aktiven Sport erklären und mit all denen abrechnen, die sich von ihm abgewandt haben, seit sein Team T-Mobile ihn wegen Dopingverdachts suspendiert hatte. Doch zunächst einmal ist er sichtlich nervös. Unsicher sitzt er unter einem großen Kronleuchter und grinst ins Blitzlichtgewitter. Gleich beim ersten Satz verspricht er sich.

Der zweite Satz macht dann aber unmissverständlich deutlich, worum es ihm heute noch geht: "Ich freue mich über die anwesenden Journalisten, aber es gibt schwarze Schafe unter euch. Einige sind hier nur geduldet." Mehrmals wendet sich der frühere Medienliebling, der einstige "Gold-Ulle" und "Sultan des Sattels", in den folgenden Minuten direkt an seine Kritiker: "Erst wird man von euch über Nacht zum Helden gemacht und anschließend niedergeschrieben."

Ullrich spricht erstmals über seinen Ausschluss von der Tour de France im Jahr 2006, "dem schwärzesten Tag" in seinem Leben. Für ihn sei damals "eine Sportlerwelt zusammengebrochen". Zu Unrecht habe man ihn vorverurteilt und zum "Schwerverbrecher" abgestempelt. Das angeblich belastende Material, mit dem man ihm seit Monaten drohe, sei bisher nicht aufgetaucht: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Nicht nur von den Medien, auch von seinem Verband ist Ullrich enttäuscht. Mehrfach nennt er namentlich den Vorsitzenden des Deutschen Radsportverbands, den früheren Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Ullrich zeichnet dabei das Bild von einem "Schulterklopfer, der meine Popularität ausgenutzt hat" und der, sobald es um Ullrichs Leumund schlechter stand, "rumgeschrien" habe, dass der Ex-Star fortan untragbar sei. Persönlich gemeldet habe sich vom Verband, der einst so sehr von Ullrich profitiert hat, bis heute bei ihm niemand: "Das ist wahnsinnig schwach."

Bei Ullrich hat sich in den vergangenen Monaten einiges aufgestaut. Seine Rhetorik ist drastisch und gallig. Er spricht von "so viel Scheiße, die gelaufen ist", von "Lügengeschichten" und "Rattenschwänzen". Jan Ullrich ist verletzt und zeigt es. Ein solch hochgradig selbstmitleidiger Auftritt wäre bei dem stets berechnend wirkenden Armstrong undenkbar gewesen. Selbst beim Zetern und Meckern wirkt Deutschlands einstiger bester Radfahrer ungekünstelt und überaus nahbar.