Dem Regierenden Bürgermeister von Berlin verdankt alle Welt die Erkenntnis, dass die deutsche Hauptstadt "arm, aber sexy" sei. Den Berliner Sport-Club Hertha kann Klaus Wowereit damit nicht gemeint haben. Arm ja, mit rund 50 Millionen Euro Schulden ist der Verein so gut wie pleite. Aber sexy? Ein Team ohne Stars, ohne Spielkultur und ohne Teenie-Schwarm. Es hat keinen Klose, keinen Poldi, nur einen Wowi, aber der hat zwei linke Füße und zwei linke Parteien an der Backe.

Immerhin gastfreundlich war die Hertha am Samstag, und das ist für die gemeine Berliner Schnauze nicht selbstverständlich. Nur 56 Sekunden brauchte Bayern München, um sich in der Hauptstadt drei Punkte abzuholen. Erst Hasan Salihamidzic mit einem Abstauber, dann Lukas Podolski mit einem Gewaltschuss. Schon stand es 2:0. Und kaum prallte der Ball in der zweiten Halbzeit eher zufällig vom Kopf eines Berliners ab und flog an Kahn vorbei in die rechte untere Ecke des Tores, da durfte auch Roy Makaay noch ran. So baut man Gegner auf, vor allem solche, die in Dortmund, Aachen und Nürnberg kläglich verloren.

Weil nach Bremen nun auch Schalke schon zum weiten Mal in Folge patzte, träumen sie in München jetzt wieder von der Meisterschaft. Es sind ja nur noch sechs Punkte. Auch gegen Real Madrid rechnen sich Hitzfeld und Hoeneß am Mittwoch wieder Chancen aus. Die Berliner hingegen sind auf den siebten Platz abgerutscht, damit würden sie sogar den UI-Cup verpassen. Aber trotzdem reden die Herthaner weiterhin voller Optimismus vom großen internationalen Geschäft und wenn es in diesem Jahr wieder nicht klappt, dann ganz sicher nächstes Jahr. So ist der Berliner, größenwahnsinnig lebt er über seine Verhältnisse – und dann wundert er sich, dass es mit der Hauptstadt nicht vorangeht.

Nicht einmal im Fußball. Dabei misst sich die Berliner Hertha nicht pflichtschuldig mit Mainz, Bielefeld oder gar Cottbus. Viel lieber blickt man über die Landesgrenzen hinaus, wähnt sich fußballerisch eigentlich auf einer Stufe mit Barcelona, Mailand oder London. Allein dem widrigen historischem Schicksal ist es geschuldet, dass es mit dem Gewinn der Champions League für Hertha BSC partout nicht klappen will, und dass die letzte Deutsche Meisterschaft vor 76 Jahren eingefahren wurde. 1931 war dies, die Hertha siegte im Meisterschaftsfinale im Müngersdorfer Stadion zu Köln verdient gegen München, allerdings damals noch gegen die 60er.

Dann kamen die Nazis, die Russen und die deutsche Teilung, mit dem Spitzenfußball in der Hauptstadt war Schluss. Ein klitzekleiner Bestechungsskandal tat sein Übriges und anschließend machten die Berliner die Erfahrung, dass auch der Amateurfußball seine Reize hat. Die zehn Meisterschaften des BFC Dynamo in der DDR hingegen zählen nicht, zumindest nicht so richtig, beim Ostberliner Stasi-Club spielte schließlich Erich Mielke mit. Seit 17 Jahren allerdings geht es mit dem Hauptstadtfußball wieder aufwärts, jedes Jahr wieder von vorne und jedes Jahr stimmen die Fans dazu das Lied "Europa, wir kommen!" an.

Berlin ist schließlich wieder Weltstadt, ein Global Player. G7-Treffen und G8-Gipfel, EU-Präsidentschaft und Nahost-Quartett, der rote Teppich ist in der Hauptstadt im Dauereinsatz. Der wirtschaftliche Aufschwung kommt aus Übersee und der deutsche Sozialstaat wird mit Tornados am Hindukuch verteidigt. Da wachsen im Kanzleramt und auch im Olympiastadion die Ansprüche. Wer soll sich da um so banale Dinge wie Kinderbetreuung, Mindestlohn oder gar den DFB-Pokal kümmern.