Am Tag, nachdem der Koalitionsausschuss beieinander saß, können sich Wähler und Wählerin nur verwundert die Augen reiben. Wochenlang haben erst die Union und später auch die SPD das ganze Land mit ihren Plänen für eine bessere Kleinkinderbetreuung in Atem gehalten. Eine erregte Debatte entstand. In der ging es plötzlich nicht nur um Krippenplätze, sondern auch um die Vor- und Nachteile von staatlicher versus familiärer Erziehung, um geschlechtsspezifische Rollenmodelle und Familienbilder. Die Familienministerin wolle Frauen zu "Gebärmaschinen" degradieren, hieß es im konservativ-katholischen Lager. Man brauche keine Ratschläge von "kastrierten Katern", blaffte man von links zurück.

Doch nach der montäglichen Sitzung der Parteispitzen muss das Wahlvolk den Eindruck gewinnen, die Aufregung hätte man sich komplett sparen können. Denn wie die Koalitionäre nun erläuterten, haben sie sich in erster Linie darauf verständigt, eine Regelung auch tatsächlich umzusetzen, die schon vor zwei Jahren – und damit noch unter der alten Regierung – beschlossen wurde. Bis 2010 sollen demnach 230.000 weitere Krippenplätze entstehen. Generell wird eine Betreuungsquote von 20 Prozent angestrebt.

Sicher wäre dies ein Fortschritt, sollte es tatsächlich auch in jenen westdeutschen Bundesländern erreicht werden, wo derzeit wie in Nordrhein-Westfalen oder Hessen nur für drei und sechs Prozent der unter Dreijährigen ein Krippenplatz angeboten wird. Nur wäre das eben ein Fortschritt, der längst vereinbart worden ist.

Was war das also nun? Klassisches Fehlmanagement im Familienministerium, weil man sich mit einer konkreten Vorgabe – nämlich 500.000 neue Krippenplätze bis 2013 - an die Öffentlichkeit wagte, ohne sich des notwendigen Rückhalts in der eigenen Partei zu versichern? Oder, wie der Parlamentarische Geschäftsführer der Union, Norbert Röttgen, der Öffentlichkeit nun weismachen will, eine geschickte Kampagne, um wenigstens das schon vereinbarte Minimum an Kinderbetreuung auch tatsächlich zu erreichen?

Dass die umtriebige Familienministerin Ursula von der Leyen von den eigenen Leuten zurückgepfiffen wurde, an dieser Erkenntnis wird sie selbst wohl am wenigsten vorbeikommen - wenn sie es auch vehement bestreitet. Denn von der Leyen wollte ganz eindeutig mehr als nur das bereits Beschlossene. Die Maßgaben, mit denen sie vorpreschte, waren auch keineswegs aus der Luft gegriffen. Längst liegen im Ministerium Zahlen aus unterschiedlichen Gutachten zum Betreuungsbedarf vor, und schon lange hat man sich mit der angepeilten Betreuungsquote von 35 Prozent am Angebot in anderen europäischen Ländern orientiert. Hinter diesen würde die Bundesrepublik auch mit einem 20-Prozent-Angebot noch weit zurückliegen.

Von der Leyen behauptet nun, die Länder würden ihren Einschätzungen, was den Bedarf angeht, schon noch folgen. Andere in der Union wären dagegen schon froh, wenn überhaupt das niedriger gehängte Ziel erreicht werden könnte. Tatsächlich hat die Ministerin mit der von ihr losgetretenen Debatte den Druck auf die Länder erhöht, aktiv zu werden. Trotzdem hätte man – nach all dem Gerede – mehr erwartet als einen solchen begrüßenswerten Nebeneffekt.