Bald beginnt eine neue Runde im Tarifkampf. Sie dürfte einem Thema neues öffentliches Interesse bescheren, das schon seit einiger Zeit durch die Wirtschaftspresse und die politischen Debatten geistert: dem Investivlohn. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen fordern, Mitarbeiter stärker an ihrem Unternehmen zu beteiligen, und der Bundespräsident, die CDU und die SPD finden allesamt, dies müsse gefördert werden. Uneinig sind sie sich höchstens in technischen Details. Allein die Gewerkschaften sind durch die Bank skeptisch - aus nachvollziehbaren tarifpolitischen Gründen. Wenn das Unternehmerlager nämlich nach dem Motto "Mehr Aktien statt mehr Geld" einen neue Baustein in die Tarifverhandlungen einbauen könnte, würde das die Position der in Lohnprozenten denkenden und verhandelnden Gewerkschafter empfindlich schwächen.

Man braucht jedoch keine Klassenkämpfer-Gesinnung, um den Investivlohn mit einigen dicken Fragezeichen zu versehen. Ironischerweise sprechen nämlich ausgerechnet Aspekte der Anlagestrategie viel stärker gegen den Investivlohn als gewerkschaftspolitische Bedenken. Das gilt ganz besonders für die Belegschaftsaktie.

Aus Sicht des Unternehmens ist ihr Charme unbestritten: Werden Aktien aus den bestehenden eigenen Beständen an die Mitarbeiter ausgegeben, so kostet dies den Betrieb weniger Liquidität als, sagen wir, eine Gewinnbeteiligung durch Boni. Überdies kann eine solche Form der Mitarbeiterbeteiligung durchaus als Motivationsfaktor wirken - dann nämlich, wenn sich der Arbeitseinsatz langfristig auch in Gewinn- und Kurssteigerungen auszahlt.

Aus Sicht des Arbeitnehmers sieht hingegen die Sache aber ganz anders aus. Das erste Gebot für einen Kapitalanleger lautet nämlich: Du sollst dein Risiko streuen. Dabei geht es nicht nur um das reine Geldvermögen, sondern um das gesamte vorhandene Kapital - und dazu zählt das Eigenheim ebenso wie die eigene Arbeitskraft, deren Rendite sich Monat für Monat auf dem Gehaltszettel nachlesen lässt.

Nun ist ja allenthalben bekannt, dass ein Anleger ein Klumpenrisiko eingeht, wenn er Aktien und Anleihen desselben Unternehmens kauft. Zwar wird hier das Geld auf zwei verschiedene Anlagesegmente verteilt, nämlich Aktien und Zinspapiere. Doch gerät das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, verlieren leicht beide an Wert: Der Aktienkurs leidet unter Bilanzverlusten, und in ungünstigen Fällen wird die Bonität des Unternehmens so weit heruntergestuft, dass auch der Anleihekurs in den Keller rauscht.

Ähnliches kann geschehen, wenn Anleger sowohl ihre Arbeitskraft als auch ihr Aktienvermögen in dasselbe Unternehmen investieren. Im schlimmsten Fall, wenn der Arbeitgeber in die Insolvenz schlittert, sind Arbeitsplatz und Aktienvermögen verloren - wenn das kein Klumpenrisiko ist!