Der Kuckuck ist ein durchtriebener Vogel. Er legt seine Eier ins gemachte Nest und lässt andere das Futter für seine gefräßige Brut heranschaffen. Das spart Arbeit, und mit diesem Verhalten brachte er es als Symbol für hinterhältiges Schmarotzertum gleich mehrfach in den deutschen Sprachgebrauch. Wie eine neue Studie jetzt zeigt, ist der Kuckuck aber nicht allein: Der nordamerikanische Kuhstärling ist nicht minder gewitzt darin, fremde Kinderstuben zu erobern. Die rötlichen Eier des Zitronenwaldsängers unterscheiden sich in ihrer Größe deutlich von den "Kuckuckseiern" des Kuhstärlings© PNAS

Während der Kuckuck anderen Vögeln nämlich Eier unterjubelt, die dem fremden Gelege täuschend ähnlich sehen, sind die Eier des Braunkopf-Kuhstärlings (Molothrus ater) für die Gastgeber ziemlich leicht zu erkennen. Für Jeffrey Hoover und Scott Robinson von der University of Florida lautete die Frage deshalb: Warum lassen sich die unfreiwilligen Leiheltern überhaupt auf das fremdem Gelege ein, anstatt es flugs aus dem Nest zu werfen? Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Forscher jetzt im Wissenschaftsmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS ) veröffentlicht.

Vier Brutzeiten lang streiften die Forscher durch das bewaldete Feuchtgebiet am Cache River im südlichen Illinois und überwachten insgesamt 182 künstliche Nester des Zitronenwaldsängers (Protonotaria citrea). Sie ließen die kleinen Singvögel in speziell präparierten Saftkartons brüten, um sie vor anderen Nesträubern als dem Kuhkopfstärling zu schützen. Die Zitronenwaldsänger bringen übrigens dreimal weniger Gewicht auf die Waage als ihre gefiederten Nestparasiten.

Die Stärlinge nutzten ihre Chance und verteilten ihren verkapselten Nachwuchs großzügig auf die präparierten Nester. Entfernten Hoover und Robinson diese fremden Eier wieder und ließen den Kuhstärlingen freien Zugang zum Wirtsnest, rächten diese sich allerdings bitterlich: Sie plünderten und zerstörten noch während der Brutzeit über die Hälfte der Gelege. Blieben die Eier der Schmarotzer dagegen in den Nestern, hielten sie sich zurück und machten sich nur in vereinzelten Fällen über die Gelege her. Die Nester blieben gänzlich unversehrt, wenn ein zu kleiner Durchschlupf den Stärlingen ihren Weg zur Brutstätte versperrte.

Überraschenderweise zerstörten die Kuhstärlinge auch jedes fünfte jener Waldsänger-Nester, in dem gar nie ein Stärlingsei gelegen hatte. Für eine gewaltsame Rache gab es eigentlich keinen Grund. Die Forscher entdeckten jedoch, dass die Schmarotzervögel in vielen der wieder aufgebauten Nester schließlich doch noch eigene Eier einquartierten. Die scheinbar unbegründete Verwüstung bescherte den Vögeln also zusätzliche Brutgelegenheiten.

Die Kuhkopfstärlinge haben mit ihrer mafiösen Taktik also alles in der Hand: Spielt der Zitronenwaldsänger das Schmarotzerspiel nicht mit und schmeißt die fremdem Eier aus dem Nest, droht das Rachekommando. Da duldet man doch lieber mal ein fremdes Kind im eigenen Haus. Zumal: Die unfreiwilligen Adoptivküken werfen die leiblichen Jungvögel - im Gegensatz zum Kuckuck - nicht aus dem Nest, vermutlich, weil sie genug zu fressen bekommen. Die Zieheltern können ihre eigene Brut deshalb mit etwas Mehreinsatz durchbringen – und fahren schlussendlich besser damit, sich auf die Unterdrückung durch die Kuhstärlinge einzulassen.

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