Mathias Pan benimmt sich nicht so, wie man es von jemandem, der gerade ein Geldgeschenk erhielt, erwarten würde: Der 26-Jährige fletscht die Zähne, trommelt mit den Fäusten und wäre da nicht die Wand aus Panzerglas, er hätte seine Besucher längst auf den Boden geworfen. Fröhlich, ob mit oder ohne Geld. Hauptsache das Futter und die Umgebung stimmen

Pan, von seinen Freunden "Hiasl" genannt, ist um 5000 Euro reicher, kann sich darüber aber nicht wirklich freuen. Denn der Bewohner eines Tierheimes Nahe Wien ist ein pan troglodytes , also ein Schimpanse und hat auf sein Bares nur Zugriff, wenn das Gericht ihm jemanden zur Seite stellt, der sein Vermögen verwaltet, steht im notariell beglaubigten Schenkungsvertrag. Hiasl braucht einen Sachwalter.

Mit diesem juristischen Winkelzug will der Wiener Martin Balluch, Obmann der für Aktionismus bekannten Tierrechtsorganisation „Verein gegen Tierfabriken“ auch in Österreich eine Diskussion auslösen, die international längst für Aufsehen sorgt: Die Anerkennung der „Großen Menschenaffen“ Schimpanse, Bonobo, Orang-Utan und Gorilla als menschenähnliche Wesen – und damit als Träger von Rechten.

Es klingt zunächst revolutionär. Doch in Neuseeland wurden den Großen Menschenaffen als "nicht menschliche Hominide" bereits 1999 spezielle Rechte zuerkannt. In Spanien wird das Thema seit 2006 heftig diskutiert. Auch die Wissenschaft liefert Tierschützer Balluch genug Futter für sein ungewöhnliches Anliegen. Gleich zwei Professoren der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien haben für das Hiasl-Verfahren eine „Stellungnahme zur Frage der Rechtsfähigkeit von Menschenaffen" abgegeben. Der Deutsche Volker Sommer, ein international renommierter Professor für evolutionäre Anthropologie, gibt den Tierschützern recht. Laut Sommer "ist bereits jetzt eine Einteilung unhaltbar, die zwischen Menschen und Menschenaffen unterscheiden will, da es hierfür überhaupt keine eindeutigen Kriterien gibt - weder biologische, noch mentale, noch soziale". Gerade konnten Forscher nachweisen, dass Hiasls freilebende Kollegen sogar mit selbstgefertigten Speeren auf die Jagd gehen. Dass Schimpansen Krieg führen und Frieden schließen können, ist seit längerem bekannt.

Wie weit die Verwandtschaft zwischen Mensch und Schimpanse, die nach heutigem Erkenntnisstand zumindest 98,4 Prozent des Erbmaterials miteinander teilen, tatsächlich geht, erklärt Michael Schwibbe vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. "Es ist denkbar, dass Mensch und Schimpanse gemeinsame Nachfahren zeugen können", sagt der Wissenschaftler, "denn genetisch gesehen ist die Distanz zwischen Esel und Pferd größer als zwischen Mensch und Großem Menschenaffen."

Auch abseits der Fortpflanzung sind uns die Affen näher, als so manch einer glauben mag. Hiasl erkennt sich selbst im Spiegel, spielt wie kleine Kinder Fangen und Verstecken und kriegt einen Lachkrampf, wenn man ihn unter den Achseln kitzelt. Seine Betreuerin begrüßt er mit einem Küsschen, schauen fremde Menschen bei seinem Gehege vorbei, reagiert er hingegen weniger entspannt.

Das zuständige Gericht im kleinen Städtchen Mödling bei Wien beeindruckt das alles kaum. Richterin Barbara Bart ließ mitteilen, das Verfahren werde erst fortgesetzt, wenn Hiasl eine Geburtsurkunde vorlegen kann. Affenfreund Balluch kontert nun mit Dokumenten des Washingtoner Artenschutzabkommens, die belegen, dass der Affe als Entführungsopfer keine Papiere besitze. Denn der Schimpanse wurde 1982 im Auftrag eines Pharmakonzerns illegal nach Österreich geschmuggelt und nur durch Zufall von der Flughafenpolizei entdeckt. „Sollte das Gericht davon nicht zu überzeugen sein, werden wir in dieser Sache bis zum Obersten Gerichtshof gehen", sagt Balluchs Rechtsvertreter Stefan Traxler.

Die obersten Richter werden wohl erst in ferner Zukunft eine Entscheidung treffen. Bis dahin könnte sich das Problem von selbst „gelöst“ haben. Schon in zehn Jahren, schätzen Experten, könnte der Mensch Hiasls frei lebende Artgenossen und damit seine nächsten Verwandten ausgelöscht haben. Dann brauchen sie auch keinen Sachwalter mehr.

* Nina Horaczek ist Redakteurin der Stadtzeitung Falter in Wien.

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