Das Selbstmordattentat auf das US-Militärcamp Bagram bei Kabul Anfang der Woche war möglicherweise schon ein Vorzeichen: Die Taliban haben eine Frühjahrsoffensive angekündigt. "Ich denke, zum Neujahrsfest Nowroz am 21. März wird sich zeigen, was an den Drohungen der Taliban dran ist", sagt Babak Khalatbari, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. In der afghanischen Hauptstadt wurden die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen verschärft, aber ansonsten herrscht business as usual .

Bisher gehen die Einschätzungen darüber auseinander, ob der Anschlag in Anwesenheit von US-Vize-Präsident Dick Cheney wirklich dem Politiker gegolten hat, wie die Taliban behaupten. Sollte dies der Fall sein, wäre es ein Hinweis, dass die radikalislamischen Milizen über ein weitaus besseres Informationssystem verfügen, als bislang vermutet. Bei dem Attentat am Montag kamen 23 Menschen ums Leben.

Während die afghanische Regierung die Drohungen der Taliban herunter spielt, gehen Sicherheitsexperten davon aus, dass die kommenden zwei Monate für das Schicksal des Landes entscheidend sein werden. "Wer ist dieser Talibankommandant Hayatullah Khan, der behauptet, er habe 10.000 Männer für eine Offensive? Ich habe noch nie von ihm gehört", sagte Präsident Hamid Karsai in Kabul.

Doch das spricht im Zweifelsfall gegen den Präsidenten. Zwar haben die Taliban nach Auskunft von Mike McConnell, dem Direktor der National Intelligence, in Afghanistan nicht mehr wie früher Tausende von Kämpfern unter Waffen. Doch der US-Geheimdienst rechnet damit, dass eine Frühjahrsoffensive von Pakistan aus vorbereitet und ausgeführt werden wird. "Wir sind sehr besorgt über Trainingslager und andere Operationen von Taliban und al-Qaida in Pakistan", sagt McConnell.

Dies war unter anderem der Grund, warum Dick Cheney Anfang der Woche Islamabad besuchte. Cheney hatte den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf dazu gedrängt, härter gegen die Taliban vorzugehen, die von Pakistan aus den Aufstand in Afghanistan organisieren. "Langfristig sehen die Chancen düster aus, die Taliban auszurotten, solange sie in Pakistan einen Rückzugsort haben", sagt der Vorsitzende des Ausschusses für die Streitkräfte im US-Senat, Carl Levin. "Aber es gibt keine ermutigenden Hinweise darauf, dass Pakistan ernsthaft etwas unternimmt."

Medien berichteten an diesem Freitag, ein hochrangiger Taliban sei in der südwestpakistanischen Stadt Quetta aufgegriffen worden. Die Festnahme von Mullah Obaidullah Achund, falls sie bestätigt ist, wäre ein deutliches Zeichen des guten Willens von Musharraf – wenn auch nicht ausreichend.

Nato-Angaben zufolge konzentrieren sich die Taliban im Süden und Westen Afghanistans in den Provinzen Helmand, Kandahar, Farah, Uruzgan und Ghor. In Helmand und Farah hatten die Milizen zwischenzeitlich sogar zwei Distrikte, Musa Qala in Helmand sowie Bakwa in Farah, unter ihre Kontrolle gebracht. "In den vergangenen Jahren haben die Taliban einen Stellungskrieg gekämpft, in dem sie versuchten, drei Provinzen zu halten: Uruzgan, Helmand und Kandahar. Dieses Jahr liegt die Gefahr darin, dass sie versuchen werden, schwere Guerilla-Angriffe zu fahren und zwar in sechs oder sieben Provinzen, auch im Westen des Landes", sagt der pakistanische Journalist und Buchautor Ahmed Raschid. "Das würde die Kräfte der Nato stark strapazieren."