Nach dem Kursrutsch der vergangenen Woche stellen sich nun alle Anleger die gleiche große Frage: War es das, oder kommt es an den Börsen noch dicker? Wir haben ja in dieser Kolumne schon lange vor einer größeren Bewegung gewarnt. Dennoch wollen wir uns nun nicht zurücklehnen und behaupten, es schon immer gewusst zu haben. Denn was ist denn schon groß passiert? In Wirklichkeit nur wenig.

Gut, der Dax hat es nicht geschafft, sich über der 7000er-Marke zu behaupten. Das hatten wir in der vergangenen Woche als wichtige Voraussetzung für eine weitere Aufwärtsbewegung bezeichnet. Und die meisten Indizes haben alles, was sie seit Jahresanfang gewonnen hatten, wieder verloren. Nun sind wohl einige Anleger aufgeschreckt, vor allem jene, die vor dem Mini-Crash sorglos ins Blaue investiert hatten, mit Knock-out-Optionen, Turbo-Zertifikaten und was es sonst noch so an gefährlichem Finanzspielzeug gibt. Doch der breite Markt, gemessen an den großen Indizes, wurde gerade mal um zwei Monate zurückgeworfen. Und so verhalten sich die Anleger denn auch.

"Nur keine Panik!" lautete der Tenor der meisten Kommentare der vergangenen Woche. So ein Kursrutsch ist doch normal, nach einer so langen Aufwärtsbewegung! Mittelfristig ist der Optimismus der Anleger ungebrochen, das haben Blitzumfragen ergeben. Ganz Mutige haben sich sogar am Mittwoch schon wieder hervorgewagt, am ersten Tag nach dem Kursrutsch. In der Hoffnung auf eine schnelle Erholung kauften sie zu Kursen knapp über wichtigen technischen Unterstützungsmarken. Erfolg war ihnen damit leider nicht beschieden: Schon wenig später bremste der weitere Kursrutsch sie aus, sie wurden "ausgestoppt", wie es im Jargon der Börsianer heißt. Die gerade frisch ins Depot gelegten Werte wurden zwangsverkauft, weil ihre Kurse wichtige Marken unterschritten. Aber auch dies versetzte offenbar niemanden in Panik.

Die klassische Kapitalmarkttheorie besagt, dass Anleger Wertpapiere kaufen, falls das damit verbundene Risiko und der erwartete Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Je riskanter also eine Investition, desto höhere Erträge sollte man von ihr erwarten können, und je sicherer die Anlage, desto geringer die erwartbare Rendite. Das ist zwar plausibel, aber gerade in Zeiten wie dieser, in denen die fundamentalen Daten der Unternehmen kaum beachtet werden, beeinflussen zwei völlig andere Faktoren den Markt viel stärker: die Gier und die Furcht.

Beide Faktoren tun das auf ganz unterschiedliche Weise. Die Gier sorgt für steigende Kurse. Vorstellen muss man sich das wie die Besteigung eines Berges. Sie wird voller Übermut und Elan angegangen, doch nach einiger Zeit macht sich die Erschöpfung bemerkbar, und die Ruhepausen folgen viel schneller aufeinander. Zwar lässt die Euphorie nicht unbedingt nach, doch der Aufstieg wird immer langsamer, die Dynamik des Kursaufschwungs nimmt also ab. Irgendwann muss der Bergsteiger dann auch wieder hinab. Hat er sich auf dem Weg nach oben nicht verausgabt, kann er den Abstieg langsam und bedächtig wagen, in einer geordneten Geschwindigkeit, sozusagen. Hat er sich aber übernommen, wird er seine Schritte manchmal nicht kontrollieren können. Im schlimmsten Fall stürzt er ab und fällt in eine tiefe Schlucht.

So verhält es sich auch mit den Aktienkursen. In der jüngsten Vergangenheit sind sie ohne besondere Dynamik aufgestiegen. Hinzu kommt: In der Regel enden Kursanstiege, grafisch betrachtet, nicht in veritablen Spitzen, bevor die Kurve abstürzt. Stattdessen bröckeln die Kurse schon einige Zeit vor dem Absturz, schwächeln also wie ein angeschlagener Bergsteiger, um dann den Weg nach unten anzutreten. Ihr Abstieg wiederum beginnt, ganz im Gegensatz zum Aufstieg, normalerweise ganz langsam. Doch ihr Tempo kann sich immer mehr steigern - im schlimmsten Fall reißen sich die stürzenden Werte gegenseitig in die Tiefe.