„Spielwarenmesse für Dummschwätzer und Nullblicker, Wucherpreiswürstchengestank, ahnungsfreie Hostessen auf gekünstelten Standpartys, 14-jährige Kulisammler, Rentner mit Stofftaschen voller Werbeprospekte, Stau auf dem Hinweg, Stau auf dem Rückweg“ - wer wissen will, was die Computerszene über ihre Leitmesse denkt, muss nur einen Blick in die Diskussionsforen des Brancheninformationsdienstes Heise online werfen. Egal ob dort der Absprung von Nokia und Motorola, ein neuer Begleitkongress oder der Rückgang der Ausstellungsfläche gemeldet wird: Sobald das Stichwort Cebit auch nur auftaucht, häufen sich die frustrierten Kommentare.

Und doch fahren sie jedes Jahr wieder hin - nicht mehr alle, aber immer noch sehr viele. Fast 500.000 Besucher werden in Hannover erwartet. Das ist im Vergleich zum Gipfel der New Economy vor sechs Jahren zwar nur noch die Hälfte, aber genug für dichte Menschentrauben in den Gängen. Der Anteil der Fachbesucher, vor allem der ausländischen, steigt. Die Zahl der Aussteller ist in den vergangenen vier Jahren fast stabil geblieben. Für den Rückgang der Ausstellungsfläche um zehn Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr hat Messechef Ernst Raue eine pfiffige Erklärung. „Die Gadgets werden immer kleiner“, sagte er auf der Cebit-Präsentation im Januar und schwenkte zum Beweis ein Blackberry-Smartphone, „da wird die Ausstellungsfläche auch in Zukunft weiter schrumpfen.“

Tatsächlich füllte ein Computer von der Rechenkraft des kleinen Multifunktions-Handys vor 20 Jahren noch ein ganzes Zimmer. Größe steht in der IT-Welt im umgekehrten Verhältnis zum Fortschritt. Für die angesagtesten Ausstellungsstücke gilt: Je kleiner, desto besser. Während dies unter Messebesuchern durchaus als Binsenweisheit gelten darf, hat sich die gleiche Einstellung gegenüber der Cebit selber noch nicht durchgesetzt. Dabei gilt auch hier: Am interessantesten sind nicht die besonders großen, sondern die besonders kleinen Messestände. Am Rande der Hallen, dort wo das Gedrängel am geringsten ist, lohnt sich der Besuch am meisten.

Egal ob Microsoft, IBM oder Toshiba: Die Ausstellungsstücke der Branchen-Riesen werden zwar mit viel Optik, Beschallung, Shows und Gewinnspielen in Szene gesetzt. Echte Neuheiten gibt es an den größten Ständen im Zentrum der Hallen aber nicht zu sehen. Wer das neueste Handydesign oder die nächste Generation von Spielekonsolen betasten will, kann das praktisch zeitgleich auch in jedem beliebigen Medien-Kaufhaus tun. Produkte und Ideen, die die Welt verändern werden, treten in den kleinen und kleinsten Boxen zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit.

Zum Beispiel das Telefonieren übers Internet. Fünf Quadratmeter sind das Mindestmaß für einen Stand auf der Cebit. Größer war die Box auch nicht, in der die israelische Firma Vocaltec 1995 einen Computer mit Mikrofon und Lautsprecher präsentierte. Die Hardware war gänzlich unspektakulär, doch die Software hatte es in sich. Wer sich an den Stand verirrte, durfte mit der Firmenzentrale in Herzliya sprechen, einem Vorort von Tel Aviv. Kosten für ein Auslandstelefonat entstanden nicht, denn die Sprache wurde in Datenpakete zerhackt und wie eine x-beliebige Datei über das Internet verschickt. Wie bei einem Walkie-Talkie konnten die Gesprächspartner nur abwechselnd das Wort ergreifen. Was davon auf der anderen Seite ankam, waren wenig mehr als verrauschte Satzfetzen. Doch die prinzipielle Funktionsfähigkeit der Internettelefonie war bewiesen.

In diesem Jahr ist sie zum wichtigsten Thema der Cebit-Fachbesucher avanciert - noch vor Open Source. Weltweit telefonieren 17 Millionen Menschen online. Es ist absehbar, dass das traditionelle Festnetz in einigen Jahren komplett abgeschaltet wird. Die niederländische Telekom hat schon einen Termin dafür genannt: 2010, gerade einmal 15 Jahre nach der ersten Präsentation der Technik im hintersten Winkel der Cebit.