Die Lebenserwartung steigt und in zwanzig Jahren belasten Millionen von Baby-Boomern die Rentenkassen. Gleichzeitig fehlen sie als Arbeitskräfte, um die ökonomische Bürde zu tragen. Als einzige Lösung wird derzeit eine Erhöhung des Rentenalters diskutiert. ZEIT online sprach mit James Vaupel, geschäftsführendem Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock über die Rentendebatte und die Vision einer modernen Arbeitsgesellschaft.

Zeit online: Weil die Menschen immer älter werden, steigt die Angst vorm ökonomischen Niedergang. Wenn die Baby-Boomer um 2025 in Rente gehen, fehle es der Wirtschaft massiv an Arbeitskräften, heißt es. Stimmt das?

James Vaupel: Ja, wenn die Beschäftigungsstrukturen so bleiben wie bisher. Dann gibt es schon bald große ökonomische Probleme. Wir haben das ausgerechnet: Die Deutschen arbeiten heute im Durchschnitt 16,5 Stunden pro Woche und Kopf. Das ist so wenig, weil viele überhaupt nicht arbeiten, zum Beispiel Kinder und Ältere. Bis 2025 würde die Arbeitszeit unter 15 Stunden fallen - allein durch die Alterung der Bevölkerung. Die geleistete Arbeitszeit ginge um neun Prozent zurück. Das wäre mit der heutigen Arbeitslosigkeit vergleichbar. So kommt es aber nur, wenn sich außer der Alterung der Bevölkerung nichts ändert.

Zeit online: Klingt, als ließe sich die Situation noch retten...

Vaupel: Ja! Indem mehr Ältere arbeiten. Die meisten gehen schon vor 65 in Rente. Ein 45-Jähriger arbeitet durchschnittlich 30 Stunden, ein 60-Jähriger aber nur noch acht. Positiv ausgedrückt steckt darin eine Menge Potenzial. Wir haben ausgerechnet, dass es sogar möglich wäre, die wirtschaftliche Arbeitsleistung pro Kopf bis 2025 konstant zu halten, ohne das Rentenalter zu erhöhen: Dazu müssten nur die 50- bis 60-Jährigen so viel arbeiten wie heute die 35- bis 49-Jährigen – also im Durchschnitt 30 Stunden pro Woche. Und die 60- bis 65-Jährigen 20 Stunden.

Zeit online: Die meisten Deutschen wollen eher das Gegenteil. Sie gehen immer früher in den Ruhestand. Haben sie sich das nicht auch verdient?

Vaupel: In vielen anderen Ländern sieht man es offenbar anders. In Deutschland arbeiten weniger als 30 Prozent der 60- bis 65-Jährigen. In Schweden etwa ist der Anteil doppelt so hoch. Und auch in den USA oder in Japan arbeitet über die Hälfte dieser Altersgruppe. Japan ist ein interessantes Beispiel: Viele Leute steigen dort um die 60 Jahre aus ihrem bisherigen Job aus. Aber dann suchen sie sich einen neuen und arbeiten weiter bis sie Anfang 70 sind, für gewöhnlich in Teilzeit. Auch in den USA sind einige sehr lange berufstätig. Dort ist es illegal, jemanden wegen seines Alters in Rente zu schicken. Die Leute können wirklich so lange arbeiten, wie sie wollen und können.

Zeit online: Aber müssen viele nicht schon aus gesundheitlichen Gründen früh aufhören zu arbeiten? Zum Beispiel in körperlich anstrengenden Berufen?