Jerusalem.
Während sich am Mittwoch der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz zu einer Sitzung zurückzog, sprach zeitgleich in Jerusalem eine Unterdelegation mit dem aschkenasischen Oberrabbiner Yona Metzger. Ebenso erörterten in Jerusalems Hotel Ambassador ein Israeli und ein Palästinenser die Zukunft Jerusalems. Ihre Botschaft könnte düsterer nicht sein.

Der israelische Rechtsanwalt Danny Seidemann erklärt Journalisten und Diplomaten, dass sich derzeit "die radikalsten Änderungen seit 1967" ereigneten. Damit meint er den Bau der Mauer an der Grenze zur Westbank, aber auch den Kampf um Land in Jerusalem, den jüdische Siedlergruppen wie "Ateret Cohanim" und "Elad" mit immer drastischeren Mitteln führen. Sie wollen in und um die Altstadt mit vielen Bauvorhaben eine "starke jüdische Dominanz" herstellen - die unter ihnen mit "messianischen Absichten" sogar den Dritten Tempel.

"Wenn die gegenwärtige Tendenz sich fortsetzt, wird Jerusalem explodieren", warnte der israelische Rechtsanwalt, und "der nationale Konflikt wird zu einem religiösen." Die Christen bezahlen seiner Ansicht nach den Preis. "Sie sind die Opfer, sie werden zwischen den Mühlsteinen des Konfliktes zerrieben." Jerusalem ohne Christen sei jedoch eine "ärmere und gefährlichere Stadt". Die Kirchen - so der Appell des Juden Seidemann - würden darüber nicht sprechen. "Sie müssen sich an die Arbeit machen." Wissen die deutschen Bischöfe um die ernste Lage der Christen Jerusalems, die nicht einmal mehr 10.000 Menschen zählen?

Leider blieb den deutschen Oberhirten angesichts des dichten Programms wenig Zeit für die Begegnungen mit Christen des Heiligen Landes. Die Bischöfe trafen sich mit deutschen Ordensangehörigen, Diplomaten und Mitarbeitern politischer Stiftungen. Sie besuchten die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, trafen den Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas in Ramallah und Mitglieder des Lateinischen Patriarchates in Jerusalem. Eine Begegnung mit Studenten der Bethlehemer Universität geriet zum Kurzaustausch, auch weil die Bischöfe mit dreiviertelstündiger Verspätung eintrafen. Beim abschließenden gemeinsamen Mittagessen sprach Bischof Friedhelm Hofmann von Würzburg laut seinen Zweifel aus: "Wissen wir eigentlich etwas über die Repressalien, die die Palästinenser erfahren?"

Bischof Norbert Trelle aus Hildesheim war "bedrückt" beim Anblick der "monströsen Mauer, die sich mitten im palästinensischen Land aufrichtet". Er hätte nie gedacht, dass er noch einmal im Leben vor so einem Wall stehen würde. Bischof Joachim Reinelt, der Oberhirte aus Dresden-Meißen, hält das Heilige Land für "ein Land der Zerrissenheit".

Als Bischof könne man keine politischer Vermittler sein, sagte Karl Kardinal Lehmann bei der abschließenden Pressekonferenz. Er könne auch keine politischen Auswege aus der Misere vorzeichnen. Die Geistlichen hatten in ihren Gesprächen wiederholt gehört, wie wichtig "Sicherheit" für die israelische Seite ist. Bei Besuchen im West-Jordanland haben sie auch die "erschreckende, geradezu katastrophale Situation kennengelernt, der die Palästinenser ausgesetzt sind: eine Arbeitslosigkeit von bis zu 60 Prozent, drastische Behinderungen der Bewegungsfreiheit, die manche Familien auf Dauer voneinander trennen sowie eine Praxis an den Kontrollpunkten, die viele Palästinenser als demütigend empfinden". Kardinal Lehmann versprach, weiterhin das "in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Solidarität mit der christlichen Minderheit vor Ort zum Ausdruck zu bringen."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nannte im anschließenden Gespräch die Mauer "schwer erträglich", ganz davon abgesehen, dass sie eine "Verschandelung des Stadtbildes" sei. Als der anwesende israelische Historiker und Preisträger des Aachener Friedenspreises und des "Mount Zion Award" Reuven Moskovitz fragte: "Wie lange kann sich der friedfertige Teil Deutschlands noch zurückhalten? Es muss ein Aufschrei kommen!", bekannte Kardinal Lehmann, es würden so viele Erwartungen in Deutschland gesetzt, "dass man erschrecken kann". Erschrak er auch angesichts der Frage eines Journalisten, dass er sie unbeantwortet ließ? Die Frage hatte gelautet: "Verraten wir nicht die Botschaft Jesu, wenn wir angesichts der himmelschreienen Menschenrechtsverletzungen Israels weiterhin schweigen?"

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