Es war nicht gerade die Woche der musikalischen Feingeister. Allerweltsmusikanten wie Herbert Grönemeyer , Sting und die (wiedervereinten) Genesis füllten die Zeitungsspalten. Überall wurde aus Grönemeyers Texten zitiert, die Geschichte des Ruhrpott-Poeten noch einmal aufgerollt und die letzten Zuckungen einer darbenden Plattenindustrie thematisiert. Denn der Aufwand, den sich EMI zur Veröffentlichung Grönemeyers' neuen Liederkompendiums 12 leistete, gemahnte wehmütig an die "Belle Epoque der Popmusik" ( taz ). Zwölf Büroräume wurden zu zwölf Hörstudios umgestaltet, damit die geladenen Journalisten nicht nur hören, sondern sich in die Songs einfühlen konnten. "Es ist wie damals", schreibt die taz , "als die Plattenbranche noch eine richtige Industrie war und mit Guns’n’Roses-Fußmatten oder Tina Turner-Bademänteln nur so um sich warf. Eine Materialschlacht, die 2007 nur noch Volksheld Herbert Grönemeyer mit seinen drei Millionen verkauften Exemplaren von Mensch und eindrucksvollen 800.000 abgesetzten Tickets für die anstehende Stadiontour in diesem Sommer rechtfertigt."

In der SZ erinnert Ralf Niemczyk an die Anfänge. "Schon damals war klar: Bei diesem Herbert Grönemeyer stimmte nichts, was man bis dato von Pop und Popkultur gelernt hatte. Kein Glamour, kein Stil, keine musikalische Innovation. Das war Bundesrepublikanischer Proberaumrock, wie er zigfach zwischen Flensburg und Garmisch runtergeschrubbt wurde. Und doch hatte dieser Typ etwas – eine sehr eigenwillige und damit sehr deutsche Interpretation der angloamerikanischen Song- und Soundstrukturen."

"Um den Musiker Herbert Grönemeyer zu verstehen, muss man in ihm einen Fan erkennen, der sich jene ursprüngliche Leidenschaft für Popmusik bewahrt hat, die einst am Beginn der Karriere stand", schreibt Johannes Waechter im SZ -Magazin. "Grönemeyer geht in Clubs, pflegt eine Plattensammlung von mehreren tausend Exemplaren und betreibt eine kleine Plattenfirma für interessante Musik aus verschiedenen Stilrichtungen." Als Teenager habe er Leonard Cohen , Elton John , Bob Dylan und Randy Newman gehört. Sein Gesangsstil gehöre, "wie beispielsweise das Knattern des VW-Käfer, zu den bedeutendsten akustischen Signalen der Bundesrepublik." Zu Unrecht werde dieser Stil "mit trockenem Reizhusten und stotternden Kompressoren verglichen", meint die Welt . Grönemeyer zerdehne stattdessen "tief aus der Brust heraus die unmöglichen Reime, bis sie sich der Sendung unterwerfen. Gott und Boot zum Beispiel". Der Klos im Hals diene der Verlautbarung.

Eine recht fragwürdige, um nicht zu sagen abwegige Feststellung macht Martin Wittmann in der FAZ . Grönemeyer schaffe mit seinem opulent produzierten neuen Album "einen Gegenpol zur momentan gefragten Radiomusik, die instrumental und textlich um die Wette reduziert wird". Welche zeitgenössische Radiomusik er dabei im Sinne hat, sollte Wittmann bei Gelegenheit noch einmal erklären.

Zum Schluss unseres kleinen Grönemeyer-Exkurses darf der Text von Thomas Groß in der ZEIT nicht fehlen. Denn – das muss an dieser Stelle auch einmal vermerkt werden – Groß befasst sich am umfassendsten und reflektiertesten mit dem "System Grönemeyer". Der Sänger verkörpere das rockende deutsche Über-Ich. Er sei so etwas wie der Wilhelm Meister des deutschen Besinnungspop. Zum wirklichen Hymnendichter der Republik fehle ihm nur noch eine wichtige Eigenschaft: "der Humor. Das Angelsächsische, das er als Wahl-Londoner so gern im Munde führt, steht ihm nur in bescheidenem Umfang zu Gebote." Aber merke: "Wo Herbert ist, ist auch Hoffnung."

Wer Herbert Grönemeyer nicht mag, wird auch Gordon Matthew Thomas, besser bekannt als Sting , kaum mögen. Zu ähnlich ist die Inbrunst des Vortrags. Momentan tourt Sting mit den Stücken John Dowlands durch die Lande. Am Horizont zeichnet sich bereits wie ein Schreckgespenst die geplante Wiedervereinigung von The Police ab. Die SZ nimmt die Dowland-Tour zum Anlass, einen Klassikkritiker in den Konzertsaal zu schicken. Sein ernüchterndes Resümee: Stings Stimme klebe "eingeschüchtert an den Noten, schwingt sich nicht auf, formt keine Phrasen und nichts darüber hinaus. (…) Unselig auch die Manier, die allzu metallisch klingende Laute deutlich leiser auszusteuern als die Stimme. Das mag im Pop angesagt sein. In der Klassik und erst recht in diesen Liedern, die ein gleichberechtigtes Miteinander erfordern, wirkt das bloß störend." Für ZEIT online hat Volker Hagedorn den Auftritt in Hamburg besprochen.