Der Brief war unmissverständlich: Füllen Sie den Fragebogen aus und machen Sie dabei keinen Fehler - sonst setzt es was! So jedenfalls musste jener Berliner Busunternehmer das Anschreiben wohl verstehen, das ihm da von einem Bundesministerium mitsamt eines Statistikbogens der Europäischen Union ins Haus geflattert war. Nur dass jener Bogen in Englisch verfasst war. "Was soll das sein: eine Statistikerhebung oder eine Fremdsprachenprüfung?", echauffierte sich der Unternehmer, lies den Bogen Bogen sein und beschwerte sich beim Amt.

Die EU hat einen schweren Stand im Volk, und sie tut viel dafür, dass es so bleibt. Doch könnte sich in wenigen Tagen in Brüssel Erstaunliches ereignen: Am 8. und 9. März treffen sich dort die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten zu ihrem Frühjahrsgipfel. Wenn ihnen zwischen Klimaschutz und Energiedebatte ein wenig Zeit bleibt, will Bundeskanzlerin Angela Merkel, die für Deutschland die Ratspräsidentschaft führt, noch schnell einen kleinen Akt der Bürger- oder vielmehr Wirtschaftsfreundlichkeit durchsetzen: Um 25 Prozent - so mögen es die hohen Herrschaften beschließen - soll die EU ihre Bürokratie bis 2012 abbauen.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Der Krümmungsgrad der Gurke wird weiterhin heftig umstritten bleiben. Das muss er auch, so lächerlich das klingt. Denn solcherlei Händel beantworten eine weit tiefer gehende Frage: Wer setzt in diesem Europa welche Standards? Da mag, wer will, über die Gurke spotten. Doch ein Binnenmarkt funktioniert nur mit verbindlichen Regeln. Oder, wie es Heidi Rühle, Grünen-Abgeordnete in Europa-Parlament, ausdrückt: "Mindeststandards machen den Binnenmarkt aus. Sonst bleibt es lediglich bei einer Freihandelszone."

Was aber soll denn nun abgebaut werden? Berichtspflichten. Statistiken. Meldungen für dies und das. Kurz: Formulare. Die kassiert man in den Niederlanden schon länger systematisch, in Großbritannien, Dänemark, Schweden auch, und überall mit einigem Erfolg. Selbst Deutschland will bald folgen, Österreich ebenso. Alle versprechen sich davon niedrigere Kosten für die Wirtschaft. Die Zahlen klingen wunderbar: 150 Milliarden Euro könnte der Produktivitätsgewinn für europäische Unternehmen betragen, die Wirtschaft um zusätzliche 1,5 Prozent wachsen, verspricht der zuständige EU-Kommissar Günter Verheugen .

Frankreich beeindruckt das wenig, ebenso einige andere Südeuropäer. Brüssel mag ruhig den Verwaltungswust lichten, dafür sind sie schon. Nur schreckt sie die Idee der Kanzlerin und des Kommissars, das 25-Prozent-Ziel auch auf die einzelnen Nationalstaaten zu übertragen. Nicht einmal die nationalen Bürokratiekosten schätzen lassen wollen sie. Schon gar nicht bis 2008, wie es Verheugen anstrebt und das Statistische Bundesamt es für Deutschland betreibt . Dabei gibt es ein recht ordentlich funktionierendes Erhebungsverfahren . Das ermittelt nur die Kosten, die die Formularflut auslöst. Welche Information einzuholen sinnvoll ist und welche nicht, darf (oder muss, je nach Standpunkt) weiterhin die Politik entscheiden - also die nationalen Regierungen und Parlamente.

Das weiß man in Paris, Rom oder Athen natürlich, und auch in Osteuropa, wo argumentiert wird, das staatliche Regelwerk hier sei doch erst fünfzehn Jahre alt und könne mit unnötigen Statistiken noch gar nicht überfrachtet sein. Dennoch droht Merkel, mit ihrer Initiative stecken zu bleiben.