Nicht nur das Geschlecht beeinflusst die Art, wie jemand sein Leben gestaltet. Auch das Alter, die ethnische Herkunft, die Ausbildung sind wichtig. Warum also muss es dann ausgerechnet ein "Tag der Frauen" sein? Brauchen den demokratische Gesellschaften, in denen die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz verankert ist? Ja, denn ein solcher Tag gibt Anlass, die Bilder von "den Frauen" und "den Männern", also die immer stereotypen Auffassungen davon, was "weiblich" und was "männlich" sei, zu überprüfen. Außerdem entspricht die Verfassungsnorm nicht der Wirklichkeit. Der neueste EU-Gleichstellungsbericht etwa belegt, dass Frauen in Europa im Schnitt 15 Prozent weniger verdienen als Männer. In Deutschland sind die Einkommensunterschiede von 1994 bis 2004 sogar gestiegen. Ein ausschlaggebender Grund hierfür ist, dass die Kinderbetreuung vorrangig von Frauen übernommen wird.

In den Diskussionen um Ursula von der Leyens Familienpolitik wird wieder deutlich, dass der Streit darum, wie Frauen - "Rabenmütter" oder "Muttertiere" - Familie und Beruf vereinbaren können, emotional aufgeladen ist. Aber selbst das Diffamieren, um Konflikte zu illustrieren und Machtpositionen zu festigen, hat in Deutschland Tradition und galt für alle Umbruchzeiten, in denen sich die Geschlechterverhältnisse wandelten, etwa während der Weimarer Republik, als Frauen in Deutschland das Wahlrecht erhielten: Gegner versuchten, die selbstbewusst auftretenden "neuen Frauen" als männerfeindlich und unweiblich zu diskreditieren und ihr "widernatürliches" Verhalten durch Vergleiche mit den Amazonen und der Kindsmörderin Medea als Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung darzustellen.

Dann schlagen wir heute den Ewiggestrigen ebenfalls literarischen Stoff um die Ohren, schließlich hat die Literatur auch emanzipatorische Bestrebungen belegt. Zu den Schriftstellerinnen, die in ihren Texten die Beziehungen zwischen Frauen und Männern so scharfsinnig wie humorvoll durchleuchteten, gehört Irmgard Keun. Sie wurde 1905 in Berlin geboren, veröffentlichte mit nur 26 Jahren den Roman Gilgi, eine von uns und gleich danach Das kunstseidene Mädchen . Beide Bücher, die von den täglichen Sorgen und Träumen junger Frauen in der Zwischenkriegszeit handeln, wurden sofort Bestseller und verkaufen sich noch immer.

Für den internationalen Frauen-Tag sei jedoch die 1949 veröffentlichte Erzählung Nur noch Frauen... ans Herz gelegt. Darin hinterfragt Irmgard Keun subtil und ironisch die Geschlechterbilder der Nachkriegszeit, indem sie ihre Ich-Erzählerin auf eine Zeitreise in das nächste Jahrtausend schickt. Die Reisende trifft auf eine Frauengesellschaft und erfährt, dass vor zehn Jahren ein Krieg stattgefunden hat, bei dem die Männer einander vernichtet haben.

Die Ich-Erzählerin beobachtet die Frauen und teilt sie in vier verschiedene Kategorien ein: die zu Radikalität neigenden Tüchtigen, die ihr Haus in fragwürdiger Weise schmückenden Hausmütterchen, die Faulen und die Lasterhaften. Das erinnert an Simonides' Weiber -Jambus aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.: Das Spottgedicht beschreibt verschiedene Frauentypen - etwa die schmutzige Schweinefrau und die kokette Pferdefrau -, indem es ihnen Tiere und Eigenschaften zuordnet. Deutlicher als Simonides' Schmähung dient die Kritik von Keuns Erzählerin dazu, Klischees von Weiblichkeit zu reflektieren. Keun nutzt den Entwurf der Frauengesellschaft, um die Absurdität einer Politik zu entlarven, die weibliche Lebensentwürfe auf Kinder, Küche, Kirche beschränken und die Geschlechterverhältnisse festschreiben will. Kommt das jemandem bekannt vor?

Doch dann erfährt die Zeitreisende, dass es noch einen einzigen Mann gibt, den die Frauen zur Reproduktion gefangen halten. Er ist den nur für Männer bestimmten Todesstrahlen entronnen, weil er die Kleider seiner Großmutter trug. Diese absurde Finte zieht die Dramatik der Situation ins Lächerliche und stellt die Männlichkeit des Geretteten infrage, von der doch das Überleben des Frauenvolks abhängt.

Dieser letzte Mann - obendrein klein, dick, mürrisch und ungepflegt - sagt der Ich-Erzählerin, dass er daran arbeite, die Erde endgültig zu vernichten. Die Frauen würden ihn nicht daran hindern, im Gegenteil: "Frauen lieben Helden." Meint er und Keun kommentiert seine Aussage erst gar nicht, womit sie ihren scharfen Blick offenbart auf die Beteiligung von Frauen an der Konstruktion von Geschlechter- und Machtverhältnissen. Das ist schon eine ganze Menge für den Frauen-Tag: eine humoristische Demontage von Klischees über Frauen - und anhand des letzten Exemplars seiner Art auch über Männer.