Ganz sicher darf man sich bei der Hamburger SPD in diesen Tagen nie sein. Die Partei hat in den vergangenen Wochen derart viele Wasserstandsmeldungen abgegeben, die sie am Folgetag wieder revidieren musste, so dass ein gewisses Maß an Vorsicht geboten ist. Noch hat die Partei Michael Naumann, Ex-Kulturstaatsminister und Herausgeber der ZEIT , nicht formell als Spitzenkandidaten bestätigt, geschweige denn, dass alle Parteifunktionäre bereits über die neue Personalentscheidung informiert worden sind.

Die Überraschung ist jedenfalls gelungen. Und es kommt Freude auf. "Naumann ist eine eierlegende Wollmilchsau für die SPD", frohlockt etwa Johannes Kahrs, der einflussreiche Kreisvorsitzende von Hamburg-Mitte. In der Findungskommission für einen neuen Kandidaten, der Kahrs angehörte, habe man nach der Absage von Henning Voscherau überlegt: "Was für eine Persönlichkeit würden wir uns wünschen?" Und Naumann, sagt Kahrs, habe diesem Wunschbild ziemlich genau entsprochen.

Die Findungskommission erhoffe sich von dem designierten Kandidaten, dass er die zerstrittene Partei wieder vereinen könne. Schließlich sei er an der gegenwärtigen Krise unbeteiligt. Zugleich könne er eine ungeheure Zugkraft über die sozialdemokratische Wählerklientel hinaus entfalten. Naumann sei exzellent vernetzt, kenne die Stadt und ihre Medien. Naumanns Vorgänger als Spitzenkandidat, Thomas Mirow, brachte die Partei stets die Sorge entgegen, dass dieser öffentlich überhaupt nicht wahrgenommen würde. Diese Gefahr bestünde bei Naumann indes nicht.

Auch die Bundespartei zeigt sich erleichtert. SPD-Chef Kurt Beck sagte: "Wir begrüßen, dass die Hamburger SPD den Weg aus ihrer schwierigen Situation aus eigener Kraft gefunden hat. Ab heute werden wir geschlossen für den gemeinsamen Sieg bei der Bürgerschaftswahl kämpfen." Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder begrüßte die Nominierung seines früheren Kulturstaatsministers als eine "vorzügliche Wahl". Naumann sei "ein intellektuell brillanter Kopf mit großer politischer Erfahrung".