Es gibt viel Positives über Nordirland zu sagen. Dazu gehört, dass die Bevölkerung einen undramatischen, offen gesagt, gähnend langweiligen Wahlkampf ohne Murren über sich ergehen ließ. Allenfalls erregten sich Parteien und Wähler über die geplante Einführung von Wassergebühren.

Da und dort mag man das bedauern - zu wenig Engagement, kein demokratisches Feuer, klagen Kritiker. Doch nach Jahrzehnten der Bomben und Terroranschläge hat es Nordirlands Bevölkerung verdient, neue, ungewohnte Zeiten gepflegter demokratischer Langeweile zu erleben.

Ganz klar: Die Zeichen stehen auf Normalisierung. Nordirland ist längst dabei, die Friedensdividende zu genießen - der Wohlstand steigt, der Hausmarkt boomt, selbst Reihenhäuser in den protestantischen und katholischen Arbeitervierteln, für die sich noch vor zehn oder fünfzehn Jahren kein Mensch interessiert hätte, haben in den vergangenen zwölf Monaten ihren Wert nahezu verdoppelt und kosten nun an die 80.000 bis 100.000 Pfund. An Käufern, die offenkundig mit einer stabilen Zukunft rechnen, herrscht kein Mangel.

Einst war Belfast eine dunkle, regenverhangene, hässliche Stadt, gezeichnet vom Bombenterror und Angst. Nicht länger mehr. Nur der Regen ist geblieben. Ansonsten boomt es in der Hauptstadt der Provinz; überall entstanden neue Restaurants, schossen zwischen Shopping Malls und Einkaufszeilen neue Hotels und Kulturbauten aus dem Boden. Gewiss gibt es nach wie vor Viertel, in denen Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen. Das hält die Mehrheit nicht davon ab, sich den Freuden der Freizeit- und Konsumgesellschaft hinzugeben.

Der nordirische Aufschwung wurde finanziert durch massive Geldzuwendungen aus London; der öffentliche Sektor beansprucht rund 60 % des nordirischen Bruttosozialprodukts - einen solch hohen Anteil findet man sonst nirgends in Europa. In vieler Hinsicht scheint ein Gutteil der Bevölkerung weiter zu sein als ihre Politiker, die rhetorisch allzu oft auf die bitteren Konflikte der Vergangenheit zurückkommen, die Schuld der anderen Seite beschwören und Sühne fordern. Die Vergangenheit wird dazu genutzt, sich im Streit um die Zukunft eine vorteilhafte Startposition zu verschaffen.

Am Freitag wird man wissen, wie die Nordiren gewählt haben. Überraschungen dürfte es kaum geben. Die Prioritäten der Wähler stehen fest: Protestanten werden mehrheitlich für die Demokratischen Unionisten Ian Paisleys stimmen. Offen ist nur das Ausmaß der Verluste, welche die einstige protestantische Mehrheitspartei wird hinnehmen müssen. Ähnlich sieht es auf der anderen Seite der konfessionell-ethnischen Demarkationslinie aus. Sinn Fein dürfte den Rang als stärkste Partei katholisch-irischer Provenienz verteidigen.

Einige Kandidaten treten an, die Sinn Fein "Ausverkauf" und "Verrat" an den Idealen und Zielen der republikanischen Bewegung vorwerfen. Ihr Abschneiden wird ein Indiz dafür liefern, auf welchen Rückhalt die "rejectionists" für die Fortsetzung des "armed struggle" zählen können. Auch die Haltung von Ian Pasley stößt auf Widerstand bei einigen protestantischen Hardlinern, denen der Kurs der Partei nicht passt und denen die Vorstellung einer gewaltenteiligen Regierung mit Sinn Fein ein Gräuel ist.

Ob Paisley, der Dr. No der nordirischen Politik, tatsächlich mit dem "Teufel" ins Bett steigen und eine Belfaster Regierung führen wird, in der sein Stellvertreter Martin McGuinness heißt, sein einstiger Erzfeind, ein Ex-Terrorist, Mitglied der IRA? Wahrscheinlich ja, aber kaum zu dem Datum, das Tony Blair und sein irischer Kollege Bertie Aherne ultimativ als "allerletzten" Termin festgesetzt haben.