Dieter Seifert ist Oberarzt und Privat-Dozent für Forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen.

ZEIT online: Der mutmaßliche Täter des neunjährigen Mitja ist gefasst. Da er zwischen 1981 und 1998 fünf Mal wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war, stellt mancher wieder die Frage, ob solche Täter überhaupt therapierbar sind oder ob man sie dauerhaft wegsperren sollte.

Dieter Seifert: Es gab rechtlich keine andere Handhabe, als diesen Mann jeweils wieder freizulassen. Er hatte seine Strafen abgesessen. Das Problem für viele ist aber, wie es Altkanzler Schröder einmal formulierte: Können wir uns erlauben, solche Menschen wieder in Freiheit zu setzen? Die Rückfallrate bei Sexualstraftätern liegt zwischen 10 und 20 Prozent. Sie sind demzufolge längst nicht so hoch, wie allgemein angenommen. Und, was häufig nicht beachtet wird: Die Zahl der Tötungen von Kindern aus sexuellen Motiven ist in den vergangenen 50 Jahren nicht gestiegen, sondern deutlich zurückgegangen. In den fünfziger Jahren hatten wir noch etwa 40 solcher Sexualverbrechen an Kindern pro Jahr, in den letzten zehn Jahren jeweils zwischen einem und zehn. Zu bedenken bleibt darüber hinaus: Selbst wenn sie alle Straftäter wegschließen, ist das Problem nicht beseitigt. Täter wachsen nach; es gibt Jugendliche und in kleinerer Zahl auch Kinder, die Sexualdelikte begehen, ohne dass wir heute mit Sicherheit nachvollziehen könnten, worin die Ursache liegt.

ZEIT online: Eine Rückfallrate von 10 bis 20 Prozent ist eine ganze Menge, und darunter sind auch bereits Therapierte.

Seifert: Ja. Unter denen, die zu uns in den Maßregelvollzug kommen, ist die Rate zum Teil noch etwas höher. Das liegt wohl daran, dass dort die schwerer gestörten Menschen untergebracht sind. Zum Vergleich: Etwa drei Viertel der Sexualstraftäter werden in den normalen Strafvollzug eingewiesen, das restliche Viertel erhält in den forensischen Kliniken eine Behandlung.

ZEIT online: Wie therapiert man Sexualstraftäter mit ihrem gestörten Sexualtrieb?

Seifert: Grundsätzlich unterscheidet man psychotherapeutische von medikamentösen Behandlungsformen. Beide sind in etwa gleich gut in der Lage, die Rückfallhäufigkeit von Sexualstraftätern zu senken. Die Medikamente senken den Blutspiegel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron erheblich ab. Das darf man sich aber nicht wie bei der Dampfkesseltheorie vorstellen, nach dem simplen Muster: der Sexualtrieb ist hoch und dann müssen wir ihn bloß herunterschrauben, damit der Patient nicht wieder straffällig wird. Allerdings sehen wir nach medikamentöser Behandlung durchaus gute Erfolge – mindestens genauso gute wie bei psychotherapeutischen Behandlungsmethoden. Mittlerweile hat sich eine Kombination beider Methoden etabliert. Der Vorteil liegt darin, dass durch Absenken des Testosteronspiegels die sexuellen Fantasien von den Patienten offenbar nicht mehr so intensiv und drängend wahrgenommen werden, so dass der psychotherapeutische Zugang erleichtert wird.

ZEIT online: Kann man einem Sexualtäter zur Auflage machen, dass er sich medikamentös und psychotherapeutisch behandeln lässt?