Pleiten, Pech und Pannen an der Elbe. Ein Missgeschick jagte hier in den vergangenen Wochen das nächste: Erst zerstritt Hamburgs SPD sich so heftig, dass zwei der Streithähne in einem Spießrutenlauf namens Mitgliederbefragung gegeneinander antraten. Diese interne Abstimmung musste dann allerdings abgebrochen werden, weil knapp 1000 Stimmzettel aus bislang ungeklärten Umständen abhanden kamen. In schierer Verzweiflung bat der zurückgetretene Landesvorstand den früheren Bürgermeister Henning Voscherau, aus der politischen Versenkung zurückzukehren, in die ihn die Partei vor wenigen Monaten erst recht unsentimental verbannt hatte. Doch nun erteilte auch noch dieser honorige Notnagel seiner Partei eine Absage.

Bezeichnenderweise begründete Voscherau seinen Verzicht mit mangelndem Vertrauen in die Loyalität seiner Partei. "Wie soll ich denen, die mich 2006 monatelang öffentlich bekämpft haben, jetzt glauben, dass ihre plötzliche Unterstützung von Dauer sein wird?", schrieb er in einer Verzichtserklärung.

Entsprechend dünnlippig fallen momentan die Statements der führungslosen Hamburger Parteifunktionäre aus. In den vergangenen Wochen haben sie derart viele Wasserstandsmeldungen und persönliche Einschätzungen abgegeben, dass sie nun vorsichtiger und angespannter sind. Der Landesgeschäftsführer Walter Zuckerer etwa brummt abwechselnd ins Telefon: "Dazu kann ich nichts sagen" und: "Dazu will ich nichts sagen." Einige Kreisvorsitzende befänden sich ohnehin jetzt erst einmal im Frühjahrsurlaub. Dass sich die Kandidaten-Frage so lange hinziehen würde, damit habe schließlich niemand gerechnet.

Bei der politischen Konkurrenz erzeugt der sozialdemokratische Schaden nicht einmal mehr Spott. Tatsächlich klingen die aktuellen Kommentare aus den Reihen von CDU, FDP oder Grünen eher mitleidig. Burkhard Müller-Sönksen von der FDP etwa sagt stellvertretend für Hamburgs politische Klasse: "Ich denke, dass wir der SPD jetzt eine Atempause geben sollten, damit sie sich in aller Ruhe sortiert."

Das Problem nur: So viel Zeit zum Durchschnaufen gibt es nicht. Die Hamburger Bürgerschaftswahl findet in elf Monaten statt. Der Landesparteitag, auf dem die Partei ihren Kandidaten präsentieren möchte, ist auf den 24. März terminiert. Zumindest bis dahin bittet Parteisprecher Bülent Ciftlik um Geduld. Bevor neue Namen der Öffentlichkeit präsentiert würden, müssten persönliche Gespräche mit den betreffenden Personen stattfinden.

Nur, wen möchte die SPD überhaupt noch fragen? Drei Probanden mit Potenzial hat die Partei bereits zerschlissen. Langsam werden die Kandidaten knapp. Innerhalb der zerrütteten SPD wird kaum jemandem mehr zugetraut, genügend Integrationskraft zu besitzen, um die Partei wieder zu einen. Allenfalls dem 36-jährigen Fraktionsvorsitzenden Michael Neumann attestieren einige Genossen diese Qualität. Neumann ist jedoch relativ unerfahren, in der Bevölkerung unbekannt - und zudem so neutral nun wiederum auch nicht. Schließlich hat auch er in den vergangenen Wochen gegen den inzwischen geschassten Parteichef Petersen klar Stellung bezogen.