Normalerweise weiß man ja, wie das Publikum sein wird. Rammstein-Fans sehen anders aus als die Zuhörer eines Streichquartetts. Aber wer mögen die Leute sein, die einer CD mit depressiven Liedern aus der Shakespeare-Zeit einen der größten Verkaufserfolge Alter Musik verschafft haben und sie nun auch live hören wollen, weil Sting sie singt? Flow My Tears , Come, Heavy Sleep , In Darkness Let Me Dwell … Lieder für unglücklich Verliebte, Zerrissene, gerade noch Hoffende, Trostbedürftige sind das. Und der Popstar Sting hat sie nicht aufgemotzt in seinen Songs from the Labyrinth . Er singt zur Laute wie auch sonst, eher besser – ohne Rücksicht auf Tongebung und Verzierungstechniken der Renaissance, schlicht und ergreifend. Dowland schrieb seine Lieder auch für Laien und Liebhaber, sie sind nicht virtuos. Und die verunsicherte Gesellschaft des frühen 17. Jahrhunderts, die sich in diesen Liedern fand, ist uns nicht fern.

Verunsicherung sieht man der Gesellschaft in der Hamburger Musikhalle allerdings nicht an. Das Publikum wird vom solide verdienenden Mittelstand um die 45 dominiert. 70-jährige Klassikabonnenten fehlen ebenso wie Rammstein-Fans, aber für beide kommt Sting sowieso nicht in Frage. Männer in Rollkragenpullovern sieht man viele, es gibt aber auch strenges Jackett und buntes Hemd, Lederblousons sind die deplatzierte Ausnahme. Die Frauen tragen Rock wie Hose, eher gediegen als gewagt. Es sind überwiegend Leute, die für Plätze zwischen 50 und 100 Euro ihren Monatsetat nicht umkalkulieren müssen; das Durchschnittsalter liegt um die fünf Jahre unter dem des Musikers, den sie alle erleben wollen. Doch bis er kommt, dauert es ein Weilchen. Zunächst einmal wird nur gezupft. Der Lautenist ist die Vorgruppe.

Edin Karamazow spielt keineswegs etwas von Dowland, sondern von Bach, und zwar die populäre (Orgel-) Toccata und Fuge in d-Moll . Zur 100 Jahre älteren Musiksprache John Dowlands passt das wie Boulette vor Sushi, aber Karamazow möchte wohl Vertrautes für Laien bieten. Das wird noch fragwürdiger, als er seifige Dekoklänge wie aus dem Eine-Welt-Laden folgen lässt und dabei den verklärten Künstler gibt. Indessen hat er an diesem Abend wirklich nicht die dankbarste Rolle. Denn während auf der CD Stimme und Begleitung gleichberechtigt und nah beieinander zu erleben sind, gibt es im Konzert nur noch einen, auf den alle achten. Sting wird vor seinem ersten Ton so bejubelt wie andere bestenfalls nach ihrem letzten. Karamazow führt fortan ein Schattendasein in Klangbalance, Lichtregie – und im Zusammenspiel.

Das kann man Sting nicht zum Vorwurf machen. Eitel ist er nicht, dem Jubel begegnet er mit Ironie, und mit den Liedern ist es ihm ernst. Doch die Geborgenheit des Studios ist Welten entfernt von dem, was ein Konzert den Künstlern an Energie und gemeinsamer Intensität abverlangt. Sting singt absolut sauber, und seine Stimme, rau, farbenreich und hell, ruhig, hingegeben an die melancholischen Linien, passt wunderbar. Doch lange bleibt er kontrolliert und sichert sich ab auf dem Hocker hinter seinem monumentalen Notenständer. Er und sein Lautenist wirken voneinander getrennt, und nur mit Verzögerung kommt die Intimität und Verletzlichkeit der Lieder zum Leben. In Come, Heavy Sleep wird es erstmals innig – was im Publikum zu bemerkenswerten Hustenanfällen führt. So ist das manchmal, wenn alle auf Gefühle gewartet haben und dann doch von ihnen überrascht werden…

Für die mehrstimmigen Passagen, die auf der CD ein vierfacher Sting singt, kommen hier Sänger des Londoner Chors Stile Antico auf die Bühne. Sie machen das sehr gut - und werden so heruntergeregelt, dass von der blühenden Mehrstimmigkeit kaum mehr als Harmonie im Hintergrund bleibt. Da trifft eben nicht nur das 17. auf das 21. Jahrhundert, da steht auch der Intimität hemdsärmeliger Populismus gegenüber. Indessen kann das – so, wie Sting singt – nicht in seinem Sinne sein. Er forciert ja nichts in diesen Liedern von Liebe und Schmerz, er lässt sie dahinströmen wie die Tränen, die sich wie sanfte Flüsse durch die Texte ziehen. Gerade Come Again , diese sehr persönliche Beschwörung einer verlorenen Liebe, rührt an, weil er unsolistisch singt, sich dem Lied bescheiden anvertraut, es nicht durchgestaltet und individualisiert, sondern es den Hörern überlässt. Mit so einer Stimme ist das möglich.

Als Dowlands Bruder im Geiste erweist sich Sting auch mit seinen eigenen Liedern: Fields Of Gold hätte in dieser Version gar im London des Jahres 1607 gefallen. Danach tobt der Saal, ein weißbärtiger Senatorentyp verlangt brüllend nach Roxanne aus Stings Police-Epoche , und man merkt, dass in dem durchtrainierten 52-jährigen Musiker, der am Ende das Designerjackett vom T-Shirt zieht, auch seine Generation sich selbst feiert. Nur nicht älter werden! Marschbeifall. Darauf gibt Sting die einzig passende Antwort: noch einmal John Dowland mit Come Again . Da wird es sehr still. Im Umgang mit Verlust und Vergänglichkeit hatten uns die Künstler vor 400 Jahren viel voraus.

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